Die chronologische Reihenfolge der Berichte aus diesem Kultursommer ist schon lange durcheinander, die einen besitzen die spontane Frische, die anderen die fabulöse Erinnerung. Zu letzteren gehört die Lesung von Ingeborg Bachmanns Novelle “Undine geht“, veröffentlicht in dem Erzählband “Das dreißigste Jahr” (1961). Erneut sind es die Schriftstellerin Birgit Haustedt und ich, die das Programm bestreiten, …
MORNING READING: EMILY DICKINSON
Es ist kurz nach 5:00 Uhr. Die Sonne zeigt eine zarte Verfärbung am Himmel, mehr nicht, ein scheues Rosé und ein zerrissenes Dunkelblau der ausgehenden Nacht. Ich schlendere über den Friedhof am Meer und denke an Emily Dickinson (1830 – 1886). Sie lebte im Haus ihrer Eltern in Amhearst, Massachusetts, USA. Seit ihrem dreißigsten Lebensjahr …
KOLIBRIS & TROPENWALD
Die neuen Motive stammen aus Meyer’s Konversationslexikon von 1895 Band “K” = “Kolibris” und Band 19 mit den Ergänzungen unter “T” = “Tropenwald”. Sie bilden die inhaltliche Klammer zwischen dem Kollektionsthema “Encyclopédia” und meiner Reise nach Peru in den Dschungel von Pucallpa, dort wo die kleinsten aller Vögel Leben. Schon vor Monaten notierte ich in …
RILKES ERSTE DUINESER ELEGIE
Ein Schloss am Meer, Duino an der Adria. Eine Kirche am Meer, St. Severin in Keitum. Zwischen unserem Midnight Reading der 1. Duineser Elegie von Rilke und seiner Niederschrift im Schloss der Fürstin Maria von Thurn und Taxis liegen 114 Jahre, zwei Weltkriege, eine verlorene Zeit, die Belle Époque, als Duino einer der wichtigsten Treffpunkte …
EINE HOSE ALS KUNSTOBJEKT
Jhon ist Ende zwanzig und gehört zum Stamm der Shipibo-Conibo, die entlang des Rio Ucayali im Dschungel von Peru leben. Mit seinen Stickereien und seiner Kunst nimmt er die Tradition seiner Ahnen auf und schafft über viele Stunden und Monate Stoff-Panele mit geometrischen Formen und mystischen Wesen. Wir dürfen sie zerschneiden, um daraus Kleidungstücke zu …
DIE ZWÖLF NOVIZEN
Für die meisten ist der “White Cube” der ideale Ausstellungsort, nichts lenkt ab, ein nüchternes Rechteck mit weißen Wänden möglichst ohne Fenster, aber gerichtetem Scheinwerferlicht, museal. Ich höre das diskrete Murmeln der Besucher*innen und den ehrfurchtsvollen Blick. Umso herausfordernder sind die anderen Räume, die ihr Eigenleben besitzen, die sich möglicherweise verweigern, unsere Wohnzimmer, schäbige off-Spaces …
“MOBY DICK” – EIN JAHRHUNDERTROMAN
Es regnet, müde sitze ich an dem großen Holztisch. Katerchen ist gerade von seinen nächtlichen Streifzügen zurückgekehrt. Zwei Wochen ist es her, dass wir in der von Kapitän Petersen 1912 gestifteten Kapelle auf dem Friedhof am Meer besammen saßen. “Moby Dick“, ein Jahrhundertroman. Es ist der Auftakt einer Trilogie mit der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Birgit …
DIE WOHNGEMEINSCHAFT
Wohngemeinschaften waren in grauer Vorzeit ein Horror für mich. Meist verbarrikadierte ich mich in meinem Zimmer und lernte, die Streberin. Wollte ich raus, so schaute ich auf Zehenspitzen aus meiner Tür nach links und rechts, ob keiner zu sehen war, um dann schnell ins Badezimmer oder in die Küche zu huschen. Wer allerdings behauptet, der …
DIE ANFÄNGE DES SEINS
Den Sternenhimmel können wir beschreiben, aber können wir uns das Universum vorstellen? Es gibt keine größere Grenzfrage als jene zu den Anfängen der Welt. Was war zuerst, das ungeordnete Dunkel, das Unbestimmte und das Chaos oder war es das Wort, wie es in der Bibel steht, der Verstand und die göttliche Ordnung? Gast im Pastorat …
MORNING READY: DAS LIED VON DER UNZULÄNGLICHKEIT
Wer kann es nicht nachsingen, das “Lied von der Unzulänglichkeit” aus der Dreigroschenoper von Bertold Brecht (1898 – 1956). Schon mit den ersten Zeilen verfällt man in den harten Rhythmus der Großstadt, in das Staccato der pulsivierenden Moderne. Berlin 1928. Dann der Refrain, der von Strophe zu Strophe ein Wort austauscht von “schlau” zu “schlecht”, …