Hamburg – Paris. Ein Reisebericht und ganz viel mehr, denn wie so oft verdränge ich, gebe mich ahnungslos und unbedarft, was emotional auf mich zukommen mag. Was soll in den Koffer, welche (modische) Geschichte möchte ich erzählen? Dass diese Fahrt zum Anlass hat, den letzten Willen meines Mannes zu erfüllen, will ich noch nicht an mich heranlassen. Ich verwebe die Dinge wie in exklusiven Stoffen, damit sie leichter zu nehmen sind: mein Skizzenbuch, die neue Coco-Jacke, Notizen mit Bleistift, Sonne, die durch die Fenster fällt, Roma, die mir im Zug gegenübersitzt, Toska, die ich bald in den Arm nehmen kann …

Von den Unruhen der letzten Tage ist in den Straßen der französischen Metropole kaum mehr etwas zu sehen. Es wurde aufgeräumt, zerschlagene Scheiben ersetzt. Louis Vuitton & Co jetzt hinter Gittern. Spurensuche. Das auf dem Asphalt waren mal ein Auto und ein Fahrrad, die Ampel ist von der Hitze des Feuers zu einer surrealistischen Skulptur geschmolzen.

Merkwürdig, wie die Atmosphäre in der Stadt eine diffuse Gleichzeitigkeit besitzt, vordergründig scheint es ruhig und alltäglich, schaut man in die Gesichter der vorbeieilenden Menschen. Wir besuchen Toskas Ausstellung in Saint-Germain, von der ich morgen berichten werde, genauso wie über die vorzeitig geschlossene Art Basel im Grand Palais. Aber das, wie gesagt, morgen.

Wir schlendern durch die Quartiers, erzählen uns was war, was ist, während Toska ihre Lieblings-Spots zeigt. Vorbei an den kleinen Geschäften, den alten Bistros, ich höre zu, sage wenig, fotografiere, lass mich fotografieren. Die neue Coco Jacke im Härtetest, weich fühlt sie sich an, bequem wie ein Cardigan und robuster als ich dachte.

Die letzten Monate haben uns verändert und noch näher zusammenrücken lassen. Wir genießen die Selbstverständlichkeit von uns drei Frauen, die jede ihre Wege geht. Einer fehlt und ist doch da. Es gibt so viele Ecken, die von ihm erzählen.

Viele unserer Geschichten kreisen um Krzysztof, Tata, den Grafen, sein Leben, unser Leben. Und das hatte auf jeden Fall etwas mit Essen zu tun, mit Genießen, mit Cafés, Musik und einem guten Glas Wein.

Paris zu Fuß. Ich folge den beiden Töchter, die schlafwandlerisch durch die Gassen gehen. Der Jardin du Luxembourg. Als ich das erste Mal in Paris war, stand ich hier wie jetzt und beobachtete die Kinder, die mit ihren Stöcken die Segelschiffchen in die Mitte des Bassins stießen. Da war ich vielleicht sechzehn mit französisch Leistungskurs in der Schule.

Unsere Blicke begegnen sich, sollen wir? Ja, lasst uns das kleine Holzboot mit dem PL im Segel und der polnischen Flagge mieten. Lächelnd beobachten wir, wie die Windböen es kreuz und quer über das Wasser jagen. Es rührt mich, unbeschwert im kindlichen Spiel. Das Leben ist ein Kreislauf. Paris, je t’aime.

Toska wünscht sich eine heiße Schokolade im Les Deux Margots. Die Töchter haben sich hübsch gemacht, ich trage die rosa-orangene Coco-Jacke, was sonst. Sie erzählen, wie sie hier mit ihrem Vater saßen, damals gab es Schokolade und eine Madelaine. Ich erinnere mich an das erste Mal mit meinem Mann bei Maxime’s und im Café Flore gleich nebenan. Herbst vor 36 Jahren.

Weiter geht es, der Regen hat aufgehört. Wir suchen ein kleines Bistro, bzw. Roma und Toska suchen es. Links herum, rechts herum, durch die Passage Vivienne. Da ist es, heimelig sieht es aus, unentdeckt von Touristen. Auch ein Erinnerungsort. Wir bestellen Wein, ein Bier, eine Platte mit Käse und Wurst. Fotos von uns, wir lächeln.

Anschließend fragt Toska mich zu der Vergangenheit. Nicht alles war leicht, jede Langzeitbeziehung besitzt auch ihre Verwundungen. Während ich rede, spüre ich, wie mir die Tränen hochsteigen, und ich um die Worte ringen muss. Da kommt der Kellner von draußen und schiebt mir einen Teller rüber.

“Ca va mieux avec une crêpe, madame!”

“Es ist besser mit einem Crêpe, Madame”, sagt er und verschwindet wieder hinter seinem Tresen. Wir lachen, wir weinen. Ob der Crêpe vom Himmel geschickt wurde, als kulinarische Aufmerksamkeit, mit der mein Mann sich regelmäßig wieder versöhnen wollte?

Eine von diesen vielen bezaubernden Geschichten in diesen Tagen in Paris, mit einer Coco-Jacke, den Töchtern, unglaublich viel zu Essen, der Seine mit ihren Brücken, den blühenden Gärten… – in einer unendlich schönen Stadt im Herbst.