In der Librairie Alain Brieux in der Rue Jacob 48 in Paris Saint-Germain-des-Prés nahm meine Kollektion Encyclopédia ihren Anfang. Letztes Jahr im September hatte ich die Stoffe auf der Premier Vision ausgewählt, die Motive festgelegt, zwei schwere Bände aus Meyer’s Konversations Lexikon von 1895 unter dem Arm, da sah ich in diesem Antiquariat die Erstausgabe von Diderot und d’Alemberts Encyclopédie ou Dictionaire raisonné des siences, des arts et des métiers von 1751 (Band 1). Nun ist es dieser ungewöhnliche Ort, an dem Toska Tyszkiewicz ihre Ausstellung zeigt.


Ich bin erstaunt, wie viele neue Arbeiten sie in so kurzer Zeit fertigte, förmlich eine Explosion der Kreativität. In den vergangenen Monaten haben sich für sie eine Tür nach der anderen geöffnet, im Dialog mit Wissenschaftlern (Arachnologen), mit Kuratorinnen und Kuratoren, im Kultursommer in Keitum, anschließend Brüssel und der Curated Brussels Preis, internationale Wettbewerbe, und in ein paar Tagen geht sie als Artist in Residence für vier Monate nach Mexiko.


Toska Tyszkiewicz, Der Krug, 2026, Silberdraht und Spinnweben, prämiert auf der Curated Brussels. (€ 1.400)
Und nun zum Geburtstag ihres Vaters diese kleine feine Schau, in der die Spinnweben-Objekte eine Nachbarschaft mit den alten Folianten und edel gebundenen Erstausgaben vergangener Jahrhunderte eingehen. Das Gezeigte wird zu einer Installation auf Zeit, ähnlich wie die “Große Schriftrolle” und der “Kelch” mit dem Altar und Kirchenschiff von St. Severin.


Toska Tyszkiewicz, Vasen Objekte und Sanduhr (3-teilig) in Vitrine, Fotografie von Lekarska, dem Haus der Großtante in Warschau, (€ 2.800)
Das Objekt samt der Umgebung mit seinen “Zufälligkeiten” und Verweisen gehört in den erweiterten Kunstbegriff. Der Kontext schafft ein neues Werk. Wem das zu theoretisch ist, der schaut einfach, wie sich aus Lagen von Spinnweben eine erzählerische Stofflichkeit bildet, die erste, zweite und dritte Haut. Aus Silberdraht-Skeletten entstehen vielschichtige Volumen.


Toska Tyszkiewicz, “Tissue”, 2026. Eingereicht für den Loewe Wettbewerb (€ 3.400)
Zur Vernissage vor einer Woche schauten die befreundeten Bouquinisten vorbei, die ein paar Straßen entfernt ihre Bücher verkaufen, kamen Künstlerinnen und Künstler, Sammler und Kuratorinnen. Alle ließen sich verzaubern von den Arbeiten, groß und beeindruckend im Fragilen, jedoch mit dem bewussten Verzicht auf die monumentale Geste.


Toska Tyszkiewicz, “Rose”, 2026 (€ 900), Spritzenpaar (€ 1.600)
Ich persönlich mag die Rose mit ihren Dornen, aber auch die beiden Spritzen, den Krug … eigentlich jede ihrer Skulpturen, hinter die sie Fotografien aus dem Haus ihrer Großtante anbrachte. Dort hat es angefangen, in dem morbiden Gesamtkunstwerk, wo sich Malerei und Objekte ausdehnen und verweben mit dem Alltäglichen, das um sie herum steht und liegt.


Toska Tyszkiewicz, Fotografien Lekarska, Haus der Großtante in Warschau
Die Encyclopédie sammelte das Wissen ihrer Zeit. Toska sammelt Spinnweben und fängt damit Ort und Zeit ein. Über 40 Netze waren nötig, um die Skulptur “Tissage” herzustellen. Das hat selbst die Spinnen sauer gemacht, die sonst unbeirrt reparieren, ergänzen, neu schaffen. Toska lacht. Sie fing die feinen Weben an der Seine ein und in ihrem Atelier in Romainville. Was sie der Natur entnahm, lebt in der Kunst weiter, schärft unsere Wahrnehmung und unseren Blick auf das Sichtbar-Unsichtbare.


Kunst besitzt immer auch etwas “Subversives”, entsteht in den dunklen Ecken, in den schmutzigen kleinen Ateliers ohne Heizung. Ich weiß, dass Toska manchmal das Geld fehlt, um sich Essen zu kaufen, sie verbündet sich dann mit den Clochards, die ihre eigenen Allianzen der Beschaffung haben. Der Mangel beflügelt das unbeirrbare Wollen. Sie ist mit dieser Haltung aufgewachsen.


Lasst mich ein wenig in den Gedanken springen, denn ich muss die ganze Zeit an die vorzeitig geschlossene Art Basel im Grand Palais denken. Kunst als Ware, Kunst als Luxusgut. Die wichtigen Sammler und VIPs konnten ihre Runden machen. Preview-Karten ab € 680. Die Organisatoren sprechen von einem kräftigen Umsatzplus und schließen vorsorglich die Tore für den 24. und 25. Oktober aus Angst vor Übergriffen während der Demonstrationen. Warum nicht mehr Bewachungspersonal engagieren, reduzierte Eingänge, warum das breite Publikum ausschließen? Dort kommt die Kunst doch her, von Künstlern, die in ihren Ateliers ohne Heizung arbeiteten, die das Essen mit Bildern bezahlten, die sich mit der Nachbarschaft und den Nöten in ihren Quartiers solidarisierten. Die Freiheit auf den Barrikaden.


Toska Tyszkiewicz, Globus, Silberdraht und Spinnweben (€ 1.600)
Roma und ich diskutieren den Begriff “populaire”, das einfache Volk, protestierend mit Plakaten in den Händen, nicht vermummt, keine Gewaltbereiten, aber Menschen, die das Recht auf Bildung und Wissen einfordern.

Schließt sich nicht hier der Kreis zu dem Antiquariat mit der Erstausgabe der Encyclopédie am Vorabend der Französischen Revolution und zu Toskas Spinnweben von der Pont Neuf und den Banlieues von Paris?!

Toska signiert die Editionen “Große Schriftrolle” und “Kelch”, Auflage 5 + 2 EA, 2026
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BOUCLÉ-COCO-JACKE, MULTI
€1.300,00 inkl. Mwst. -
TOSKA TYSZKIEWICZ EDITION “DER KELCH”
€400,00 inkl. Mwst.




