Es ließe sich ein Buch schreiben über Toska und die Spinnweben von St. Severin, ein Bildband mit Texten über diese mystischen Wesen und wie daraus Kunst entstehen kann. Im Gottesdienst am Sonntag Morgen hatte Susanne Zingel von einem “Netz voller Wunder” gesprochen, von Bezugspunkten, die sich zu einem Geflecht erweitern, das ständig größer wird, voller Liebe und Respekt. Ich bin emotional berührt, denn was hier in den letzten Tagen entstand, war und ist außergewöhnlich, hat uns zum Staunen gebracht, zum Wunder(n) und mich zum Weinen. Es fehlt mein Mann neben mir und Toska der Vater, um teilzuhaben, was Kunst und Schönheit vermögen.

Der Weg dahin war bis zuletzt eine herausforderne Zitterpartie. Am Ende musste die “Schriftrolle”, bestehend aus einem 70 x 100 cm großen Rechteck aus Metall und Spinnweben, vom Pastorat in Keitum in die Kirche überführt werden. Windstille, was für ein Geschenk. Vorsichtig luden wir das Objekt in das Auto der Freunde, um es anschließend von der Decke herab vor dem Altar zu installieren.


Dann eine Unachtsamkeit von Toska, die Zange fiel auf den Boden und durchdrang das fragile Spinnenwerk. Ein faustgroßes Loch. Entsetzen. “St. Severins Spinnen möchten auch beteiligt sein”, meinte ich trocken. Toska nickte und behielt die Nerven. Geduldig suchte sie nach Netzen unter der Kanzel und zwischen den Bänken, um spinnengleich das zarte Nichts zu flicken.



Nach zwei Stunden hing die “Schriftrolle”. Das Rechteckt korrespondiert in seinen Dimensionen perfekt mit den Holztafeln des Altars. Wie ein Schild legt sich das Spinnengewebe vor die geschnitzten Figuren und schwebt doch frei und unabhängig im Raum. Die Bambus-Stäbe mit den Silberdraht-Umwickelungen bilden nach unten und oben die Begrenzung.
Und dann beginnt es zu atmen, bei jedem kleinsten Lufthauch, als wäre es lebendig!


Nun fehlt noch der “Kelch” mit den Spinnweben aus dem Dachstuhl von St. Severin. In wenigen Stunden beginnt die Andacht und dann die Vernissage. Aber für diese Art von Kunst muss die Zeit ausgeklammert werden, um sie einfangen zu können. Bloß keine Hektik. Toska beginnt ganz oben in der Spitze des Turmes.


Vorsichtig rollt sie die Netze um den Kelch. Spinnen produzieren acht verschiedene Fäden zum Weben, alle von einer unterschiedlichen Konsistenz, manche kleben, damit sich die Insekten darin verfangen. Toska nutzt diese Eigenschaft, um die hauchdünnen Bänder miteinander zu verknüpfen und übereinander zu legen. Ihre Hand zittert leich, die Höhe macht ihr zu schaffen.


Aus Minuten werden Stunden, und aus dem Gerippe des Kelches wird ein Körper mit einer schimmernden Oberfläche, ein faszinierendes Gebilde aus Kunst und Natur.


Über schmale Stiegen erreichen wir die verschiedenen Ebene, rechts geht es zum Turm hinauf, und links in den Dachstuhl über dem Kirchenschiff. Mittendrin die mächtigen Glocken, die zweimal am Tag weit über die Wiesen und das Meer zu hören sind. Was für ein “Atelier”. Spätestens jetzt versteht man, warum Künstlerinnen und Künstler sich für die Arbeit in Kirchen begeistern.

Langsam steigen wir wieder hinab. Immer wieder hält Toska das Objekt in das Licht, um zu prüfen, ob sein Gewand vollkommen ist oder noch einen weiteren “Umhang” braucht. Dabei entdecken wir die poetische Schönheit von St. Severin, die strengen Bögen der Fenster, die dicken Wände, die das Außen fernhalten, die Orgel mit ihrem farbig gefassten Schnitzwerk.

Am vergangenen Sonntag fand der festlich anmutende Gottesdienst statt. Es fühlte sich, als würde es im Inneren funkeln: “Ein Netz voller Wunder”. Susanne Zingel zitiert aus der Bibel: Nein, man solle sein Leben nicht wie die Spinnen führen, denn schon ein Windstoß zerstört ihre Behausung.

Aber “die Bibel hat nicht immer recht”, verkündet die Pastorin mit einem Lächeln. Spinnen verstehen die Kunst des Reparierens, des Heilens. Sie haben keine Angst vor dem immerwährenden Neubeginn. Sie verkörpern das ewig Weibliche.


“Schriftrolle” und “Kelch” sind in der Kirche St. Severin zu besichtigen. Morgen, am Donnerstag, den 16. Juli, von 16 – 18 Uhr, ist offene Kapelle mit der Ausstellung von weiteren Objekten, Zeichnungen und Fotografien der Künstlerin. Ich bin dort und freu mich auf Euch!
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