Der Kultursommer St. Severin hat mich in seinen Strudel gesogen, ein besonderer Event folgt dem anderen, ich komme kaum hinterran mit meinen Beiträgen. Über die Vorstellung der Sommerlektüre mit Robert Eberhardt (Felix Jud), Pastorin Susanne Zingel und mir berichte ich demnächst. In den Mittelpunkt stelle ich heute das Making of von Toska Tyszkiewicz, die den Anfang im Artist in Residence Programm macht. Seit Tagen saß sie oben auf dem Dachboden im Pastorat in Keitum, um die Spinnennetze für das Objekt “Große Schriftrolle” zu sammeln. Draußen stürmte und regnete es. Dann am Samstag plötzlich Windstille und Sonne. 5:30 Uhr, wir fahren los auf Spinnennetz-Fang für “Teller und Tasse“.

Sylt ist nicht nur die Insel Seefahrer, sondern auch deren Frauen, die zurückblieben, um Haus und Hof zu bewirtschaften, Kinder großzuziehen und die Familie zusammenzuhalten. An sie muss ich denken als wir unterwegs sind an diesem Morgen mit dem duftigen Licht, das dieses Eiland zu einem der schönsten Plätze auf Erden macht, in dem sich Schwermut, Sorgen, Fernweh und Glück aufs Engste verweben.

Friedlich liegen die Wiesen zu unserer Seite, es duftet nach Kamillenblüten. Toska beginnt vorsichtig das erste Spinnennetz um das Teller-Skelett zu wickeln, respektvoll, konzentriert. Die Spinne huscht auf ihr dünnes Band, um gleich wieder das nächste Netz zu weben und um zu reparieren, was verlorengegangen ist. Genauso wie es die Frauen über all die Jahrhunderte hier und überall auf der Welt machen.

Die nächste und die übernächste Schicht legt sich um das Gebilde aus Silberdraht, das an Wagenfelds Bauhaus Geschirr erinnert, archetypisch, minimalistisch. Vorsichtig verstauen wir es im Schuhkarton und fahren weiter zum Friedhof am Wattenmeer. Verträumt liegt St. Severin vor uns.

Zum Teller gesellt sich die Tasse. Die Künstlerin findet ihr Material in der Nähe der 800 Jahre alten Apsis zwischen den Bäumen und Hecken, den Rosen. Lautlos arbeitet sie, routiniert und im Einklang mit der Natur und der Umgebung.

Drinnen in der Kapelle findet die “Feinarbeit” statt. Mit der Pinzette werden Schmutzpartikel entfernt und kleine Löcher gestopft. Toska ahmt es der Spinne nach, behutsam zieht sie an den klebrigen Strängen, bis sie sich um den Draht wickeln und mit den übrigen wie selbstverständlich verknoten.

Es sind Objekte zwischen Traum und Wirklichkeit, eingehüllt in diamantene Feenkleider, die man nur sieht, wenn das Sonnenlicht auf sie fällt. Eine Schöpfung der Natur, die zu Kunst geworden ist, schwebend und bestimmt für eine kleine Ewigkeit. (Spinnenweben können bis zu 200 Jahre überdauern.)

Toska Tyszkiewicz, Spinnenetz-Objekt “Teller und Tasse”, 2026 + Fotografie (€ 1.600)

Später geht es hoch in den Dachstuhl von St. Severin, damit der Silberkelch sein “Gewand” erhält. Aber davon mehr beim nächsten Mal, genauso wie zur “Großen Schriftrolle”, der Andacht, Vernissage und dem Gottesdienst am Sonntag: “Ein Netz voller Wunder”.