Willkommen im 5:00 Uhr Club, wer ab nächster Woche dabei sein möchte, wenn wir unser montägliches Morning Reading in der Kapelle auf dem Friedhof in Keitum starten. Heute war Generalprobe, mein Wecker klingelte um 4:30 Uhr. Aufstehen, duschen, schnell noch einen Kaffee und los zu Fuß von Tinnum nach Keitum. Im Rucksack das Buch mit dem Gedicht von Kurt Tucholsky “Das Ideal” von 1927. Kaum jemand ist unterwegs, mal ein Auto oder ein Fahrrad, das war’s. Dunst hängt über den Feldern. Idyllisch liegt die Insel schlafend da.

Pferde auf der Weide, in der Ferne ein Hühnengrab, Getreide und Mohnblumen. Dann endlich nach 30 min. strammen Marsches die Kirche St. Severin mit dem markanten Turm, der zu ihrem Wahrzeichen geworden ist. Dahinter die kleine Kapelle, Mittelpunkt unseres Kultursommer St. Severin.

Innen drin brennen schon die Kerzen. Susanne Zingel ist da und mit ihr Sternekoch Johannes King. Ich hole noch schnell aus dem Vorderhaus ein paar Tassen und nehme Michael, den Gärtner, gleich mit. Warum nicht einen Kaffee und ein Gedicht, neugierig folgt er mir entlang der Gräber, auf denen die Stinnenweben im Tau glitzern.

Erst plaudern, erst sich stärken? Johannes hat ein paar Kleinigkeiten mitgebracht, Brot mit Honig aus dem Schwarzwald, ein paar Schnitze von Äpfeln und Erdbeeren. Nein, die Pastorin protestiert, sie ist erfahren in solchen Dingen. Minimalistisch und streng soll es sein, ein besonderer Ort, ein besonderes Gedicht, es braucht die Ruhe, um eine Aura zu entfalten. Alles andere kann warten.

Kurt Tucholsky, geboren 1890 in Berlin, gestorben 1935 in Göteborg. Demokrat, Sozialist, Pazifist und ein früher Warner vor dem Nationalsozialismus. Journalist, Schriftsteller, berühmt für seine Lyrik und am Ende für seine letzten “Schnipsel” im November 1932 in der Weltbühne.

Erich Kästner schrieb über ihn 1946: “Ein kleiner dicker Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufzuhalten versucht.” Mit seinem bissigen Humor kommentierte Tucholsky die Gesellschaft. Dazu gehört auch das von mir ausgewählte Gedicht.

Das Ideal

Ja, das möchste:

Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;
mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,
vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn –
aber abends zum Kino hast du‘s nicht weit.

Das Ganze schlicht, voller Bescheidenheit:

Neun Zimmer – nein, doch lieber zehn!
Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,
Radio, Zentralheizung, Vakuum,
eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,
eine süße Frau voller Rasse und Verve –
(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) –
eine Bibliothek und drumherum
Einsamkeit und Hummelgesumm.

Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,
acht Autos, Motorrad – alles lenkste
natürlich selber – das wär ja gelacht!
Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.

Ja, und das hab ich ganz vergessen:
Prima Küche – erstes Essen –
alte Weine aus schönem Pokal –
und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal.
Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion.
Und noch ne Million und noch ne Million.
Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit.
Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.

Ja, das möchste!

Aber, wie das so ist hienieden:
manchmal scheints so, als sei es beschieden
nur pö-a-pö, das irdische Glück.
Immer fehlt dir irgendein Stück.
Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;
hast du die Frau, dann fehln dir Moneten –
hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:
bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.

Etwas ist immer.
Tröste dich.

Jedes Glück hat einen kleinen Stich.
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten.
Daß einer alles hat:
das ist selten.

Kurt Tucholsky, 1927

Nach der Generalprobe endlich der Kaffee und die Honigbrote. Ein paar Fotos, geschossen vom Friedhofsgärtner. So kann es gehen am kommenden Montag, den 13. Juli, wenn das nächste Poem folgt. Ich weiß schon welches. Und dann bin ich gespannt, ob daraus der 5:30 Uhr Lyrik-Club entstehen, und wir am Ende des Sommers die Kapelle zum Sonnenaufgang füllen.

Heute Abend die Sommerlektüre, vorgestellt von Robert Eberhardt, Susanne Zingel und mir.