Gestern den ganzen Tag Sprühregen und Wind. Wolken jagen sich am Himmel, bloß nicht einen klitzekleinen Sonnenstrahl durchlassen. Die Insel zeigt sich wieder einmal von ihrer rauen Seite, muss man mögen oder geduldig abwarten. Toska kümmert sich um die Spinnen im Gebälk, und ich putze die Kapelle auf dem Friedhof in Keitum. Ich mag so etwas, kurze Hose, der alte Lieblingspullover, die Ärmel hochkrempelt. So eigne ich mir den Raum an, Ecke für Ecke. Auftakt in den Kultursommer St. Severin.

Anschließend hänge ich die Kollektion. Die Blusen und Röcke mit der Aktischen Fauna, die so gut zu dieser Seefahrer-Kapelle passen. Sie erzählen vom Nordmeer, den Walen, Robben und den Vögeln, die Zwischenstation auf Sylt machen für ihren Weg nach Süden und zurück.

Gerade noch rechtzeitig ist der Mantel fertig geworden. Ein Modell, das wir schon im 2017 entwickelten, als es um die “Eisbären im Sommer” ging mit Anlehnungen an die Inuit und an den berühmten Polarforscher Roald Amundsen.

Mantel Arktische Fauna, hellblau Cotton (€ 898)

Anschließend zünde ich die Kerzen an. Es duftet festlich. Neben dem alten Grabstein aus dem 18. Jahrhundert stehen die Fotos von Toskas auf Spinnenfang in Paris auf dem Friedhof Pèrre Lachaise. An dieser Stelle mein Dank an den Sylter Kunstfreunden e.V., der uns die Staffeleien ausgeliehen hat.

Und dann kommt doch wirklich kurz vor Beginn der Veranstaltung um 17:00 Uhr plötzlich die Sonne raus. Mit Macht trocknet sie die Wege und Pfützen und hüllt alles ein in ein warmes Zauberlicht. Der Ort scheint es gut mit uns zu meinen.

Geschwind schlüpfe ich in mein Outfit mit rosafarbenen Faltenrock, Puffarm Bluse und Stretch-Blazer. Noch ein paar eilige Fotos, denn später gibt es keine Snapshots, da nicht jeder auf dem Bild sein möchte. Da sind sie schon die Gäste, die Neugierigen, die Freunde. Bis auf den letzten Platz ist die Halle mit ihrer klaren Architektur, dem Tonnengewölbe, den streng ausgerichteten Bänken, den weiß verputzten Wänden gefüllt. Damit habe ich meine Wette gewonnen gegen Susanne Zingel, die zweifelte, ob genügend Menschen den Weg finden würden. Sie taten es.

Die Pastorin erzählt von der Kapelle, die 1912 von dem Kapitän Hinrich Wolf Petersen gestiftet wurde. Sein Grab liegt nur wenige Schritte davon entfernt. Zuletzt standen hier die Geräte der Friedhofsgärtner, Gartenschäuche und Schubkarren. Es wird Zeit, Dornröschen aus dem Schlaf zu wecken. Genauso fühlte es sich an, verwunschen und energievoll zugleich mit einer Atmosphäre, die an unser Zuhause erinnerte, versehen mit einer heimeligen Festlichkeit, wie in einem großen Wohnzimmer zu Weihnachten. Alles verströmte diese gutgelaunte Erwartung auf das, was kommen wird.

Die Tür stand offen und ließ die abendliche Sonne hinein, das Grün leuchtete so frisch, wie es nur nach einem Sylter Regen aussehen kann. Innen und außen, Friedhof und Kapelle. Jemand fragte, wie wir das zusammen bekommen. Indem wir bei unseren Veranstaltungen nach den Fragen des Lebens suchen. Wir verweben gestern, heute und morgen. Der Ort gibt die Stimmung vor. Ich glaube, wir alle haben es ähnlich empfunden, und das war das Außergewöhnliche an diesem Auftakt. Ein Stück unwiederbringliche Erinnerung an einen Sommer auf Sylt.

Ich bin gespannt, wie es das nächste Mal sein wird und das übernächste und so weiter. Freitag, den 10. Juli, ab 18:00 Uhr sind es Robert Eberhardt, Susanne Zingel und ich, die wir unsere Lieblingsbücher für den Juli/August vorstellen. Eines auf meiner Liste ist Hampten Sides “Cooks letzte Reise“, in diesem Frühjahr in der deutschen Übersetzung im Mare Verlag erschienen.

Faltenrock aus Woll-Crêpe in rosa. Gibt es auch in beige, mittel- und dunkelbraun (€ 498)

Zwölf Stunden später, ich recke und strecke mich. Toska meint, ich müsse aufrechter gehen, mehr Sport machen, das “Savoir Vivre” wieder üben, wie mein Mann sagte. So werde ich es tun, heute ist mein 65. Geburtstag. Wer Lust hat, besucht mich im Pastorat in Tinnum, Kampenende 48C. Gefeiert wird nicht, aber willkommen heiße ich jeden.