Viele von uns waren schon eingeladen zu Gesprächen über Kunst, in Museen, Galerien und in öffentlichen Ausstellungsräumen, selten jedoch in einer Wohnung wie oben (upstairs) am Johannes-Brahms-Platz 9 gegenüber der Laeiszhalle in Hamburg. Eilig räume ich noch hin-und-her, den Wein kaltstellen, die Gläser auf den Tisch, ein wenig Staub wischen. Der alte abgetretene Perserteppich hat seinen Platz gefunden, genauso wie das pinke Sofa von Paola Lenti, beide erzählen ihre eigenen Geschichten, sind Bonnies Lieblingsplätze. Aber was sage ich “Bonnie”, meine Gesprächspartnerin, Dr. Karen Michels, muss ebenfalls kurz abhängen bevor es losgeht, der Tag war anstrengend. Home-Feeling.


Ab 18:00 Uhr trudeln die Gäste ein, neugierig, was einen anderes erwartet als das üblich Erwartete. Wo darf man schauen? Überall! Im Schlafzimmer der große Überwurf von Nele Budelmann, das “Hotel”-Gästezimmer, im Flur die Fotografien von Irene Andessner, im Esszimmer die getupften Kussbilder von Volker Hildebrandt. Kunst wohin man schaut. Nur die Küche ist Tabu, sie ist meine temporäre Abstellkammer (ich kann nicht kochen).



Die warme Abendsonne fällt in die Räume. Jeder sucht sich einen Platz in dem großen schönen Raum mit dem Stuck an den Decken, dem Blick auf das Brahms-Kontor. Wir sind eine bunt zusammengewürfelte Runde. Es geht um den Werkzyklus “maria, kleingeschrieben ist ein Tu-Wort“, und es geht um Nele Budelmann als Künstlerin, ihre Arbeitsweise, ihre Inhalte, ihre Eigenständigkeit im Kunstbetrieb.


Sie studierte bei Werner Büttner an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, bei Bernhard Johannes Blume, Katharina Sieverding, Stephan Balkenhol, saß in der hintersten Reihe bei Franz Erhard Walther, war befreundet mit Albert Oehlen und seinem Umfeld, den “Männern”, wie sie es schmunzelnd zusammenfasst.

Zwischendurch haute sie heimlich ab nach Kalifornien, wo sie miterleben konnte, wie die deutsche Kunst zu ihrem neuerlichen Siegeszug ansetzte. Also wieder zurück, um von Hamburg gleich weiter nach Wien zu fahren für die Ikonenmalerei. Alle wollten aus Nele Budelmann die neue große Künstlerin machen. Aber hier ist jemand, der nicht passt oder nicht passen will.

Karen Michels, schon lange wieder hellwach, übernimmt den kurzen kunsthistorischen Abriß seit dem 18. Jahrhundert, als die Kirche und die Aristokratie als Auftraggeber der Künstler*innen wegfielen. Die kreativ Schaffenden mussten sich ihr eigenes Publikum suchen und vor allem eine wiedererkennbare Handschrift entwickeln.


Wie sieht das Nele? Sie wiegt leicht den Kopf, habe sich nie dem Betrachter angebiedert, ihre Arbeiten sind eine Innenschau, eine Selbstbefragung mit den Mitteln der Kunst.

Ihre Ikonenmalerei lebt aus der Wiederholung, immer wieder zeichnet sie die gleiche Vorlage ab, um die Hand zu trainieren, das Auge zu schärfen für die Nuancen, die eigene Religiosität zu entdecken. Es lüftet sich ein erstes Geheimnis von “maria, kleingeschrieben ist ein Tu-Wort“, das Lernen im Prozess des Machens.

Hilflos standen die Professoren vor ihrem Werk: Malerei, Ikonenmalerei, eigentlich verboten in der damaligen Kunstszene. Sie hätte doch eine von ihnen werden können, aber sie wollte eine von sich-selbst werden. Allein für diesen unbeirrbaren Mut hat sie schon meine Bewunderung und die des Publikums ebenso.

Schaut man genau hin, ist doch alles vorhanden, was zeitgenössische Kunst in sich trägt: Konzept, Minimal, Malerei, die “Prima Idea”, die die Skizze ähnlich hoch bewertet wie die spätere Ausführung.

Ihre Freundin Nora, Künstlerin, Verlegerin (Textem) und Galeristin schildert den unglaublichen Schaffensdrang von Nele. Es fühle sich an, als würde man ständig Berge von Schätzen heben, beschreibt sie mit lebhaften Gesten die Stapel von Kunst, die sich im Atelier akribisch türmen. Nie wirft sie etwas weg, aber sie zerstört, Bilder werden vom Keilrahm genommen, zerschnitten und zu Kimonos genäht, Leinwände lässt sie draußen im Regen liegen (ich muss an Edvard Munch denken, der es auch so machte), Zeichnungen werden übermalt und überklebt. Alles ist in einem genialischen Schaffensfluß.

“maria, kleingeschrieben ist ein Tu-Wort” sind sechs Doppelarbeiten in weißen Rahmen. Sie besitzen in dieser Zusammenstellung eine gewisse Zufälligkeit, weil die Rahmen zur Verfügung standen, weil Querformate schön aussehen, weil sie im Atelier gleichzeitig an mehreren Papieren nebeneinander bearbeitet, in dem das Tun zu einem multiplen Dialog wird.


Wie elegant der Zyklus in dem Raum hängt. Natürlich ließe er sich auch anders kombinieren, einzeln rahmen und kaufen. Nur welches? Mit jedem Bild scheint es, als würde eine höhere Instanz beschützend auf einen schauen, andere Versatzstücke einen anspringen. Ich beginnen zu lesen …


Würden wir uns auf klassische kunsthistorische Weise nähern, so Karen Michels, bräuchten wir gewiss Stunden, wenn nicht gar Tage, um das Gesehene zu beschreiben, die unterschiedlichen Papiere, Handschrift und Schreibmaschinen-Sätze, Schnipsel von Bildern und Fotokopien, buchhalterische Zahlen-Kolonnen.

Aber dann hätten wir nur eine Ebene, weiter und weiter ginge es auf der Verständnisebene und der Spurensuche, die mich an Bruce Chatwin erinnern lässt, den nomadischen Schriftsteller und Journalisten. Kurz blicke ich mich um zum “Pakistanischen Gebirgsjäckchen”, das als textile Skulptur ebenfalls ein Geheimnis besitzt mit seinen handgenähten “Traumpfaden”.


“Kunst ist immer auch ein Ausdruck ihrer Zeit”, schließt Karen Michels den Kreis. Was mag es hier sein? Die Sehnsucht nach dem Mütterlichen, einem göttlichen Schutz, einer sicheren Behausung? Diese Kunst ist leise, das macht sie so irrierend sinnlich und intellektuell zugleich.

Ich werde nicht müde, die Bildbetrachtung fortzusetzen, ähnlich wie meine Gäste, die noch lange zusammenstehen in Gesprächen, ernst und heiter, bis die Sonne ungewöhnlich flammend über der Stadt untergeht. Es ist einer dieser Abende, die in mir noch lange nachwirken werden, vielleicht oder gerade weil es ehrlich darum ging, warum “Art Matters”.


So machen wir weiter, hier oben UPSTAIRS im 4. Stock mit Blick auf die Laeiszhalle, auf Planten un Blomen und die Gerichte. Danke Nele, danke Karen und Dank an Euch Gäste, die ihr Euch habt mitreißen lassen.
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