Heute ist Muttertag mit den üblichen Beiträgen im Netz von unterschiedlichster Couleur. Allein die SZ Online reflektiert: “Warum Mütter politisch unsichtbar sind”, dass sie lieber ein Aktiendepot geschenkt bekommen sollten als Blumensträuße, und ob man diesen Tag überhaupt braucht?! Ich hatte schon mehrfach meine eigenen Gedankenschleifen gezogen. Sichtbar sein ist gewiss ein grundsätzliches Problem von uns Frauen, und genauso, dass wir lernen sollten, politisch zu agieren, dafür muss man allerdings nicht Kinder in die Welt gesetzt haben.


Antiquarische Ausgabe der Family of Man, 1955, hier gewidmet “to Mother, with love”.
Aber es gibt noch etwas, das mich anlässlich des nachfolgenden Gastbeitrages von Sabine Weichel-Kickert umtreibt: Mütter sind a-sexuell, jedenfalls in der Betrachtung von außen. Natürlich dürfen sie attraktiv sein, mittlerweile auch als working-mum, aber sexy? Nicht wirklich! Der Rock nicht zu kurz, der Ausschnitt nicht zu tief, der Gang entschlossen, jedoch wenig kokett. Ihr Kuss ist eher eine Umarmung und ein zärtliches Kuscheln, alles sonst wollen wir (die Gesellschaft) uns lieber nicht vorstellen. Und so darf sie, die Mutter, diskret vor sich hinschrumpeln, bis sie so alt ist, das es selbst für sie nicht mehr vorstellbar ist. “Mami” ist ein sorgfältig ausgependeltes Konstrukt, wenn es um Liebe und Erotik geht. Aber genug dieser kleinen tagesaktuellen Fußnote, die vielleicht Eingang findet in die heutige Muttertags-Kaffee-Runde. Wer weiß?! Das Wort hat nun:
Sabine Weichel-Kickert, Kuratorin und Autorin von THE FAMILY OF MAN im Dialog mit der TEUTLOFF COLLECTION, und die Varianten des Kusses

Der Kuss als zutiefst menschliche Geste und Ausdruck für Liebe, Zuneigung, Vertrauen funktioniert als „universales“ Kommunikationsmittel zwischen allen Menschen. Neueste Forschungen datieren den Ursprung des Kusses sogar auf 21 Millionen Jahre zurück. Nun soweit wollen wir nicht gehen.

Aus Family of Man, 1955, gleich auf Seite 7
In der historischen Ausstellung „THE FAMILY OF MAN“, kuratiert von Edward Steichen für das MOMA New York, 1955, die ja die Inspirationsquelle und den historischen Brückenschlag zur Ausstellung darstellt, beginnt der Parcours durch die Menschheitsfamilie ebenfalls mit den Küssen von verliebten Paaren weltweit.

Oben: Robert Doisneau: Rapho Guilumette, aus: The Family of Man, 1955.
Exemplarisch im kollektiven Gedächtnis verankert steht dafür das ikonische Kuss-Foto von Robert Doisneau. Ein Paar mit Lauch in der Einkaufstasche, er küsst sie im Laufen an der Ecke einer Metro-Station in Paris. Man weiß heute, es handelt sich um eine Inszenierung mit Schauspielern.

Auch die von Volker Hildebrandt auf Leinwand gemalten Filmküsse sind sämtlich Inszenierungen. Nicht von ungefähr hängen die Arbeiten aus seiner Serie der berühmten „Filmküsse“ in der Ausstellung „THE FAMILY OF MAN GOES COMTEMPORARY“. Der Kuss ist eine der intimsten, intensivsten und vielseitigsten zwischenmenschlichen Gesten, die als oraler Körperkontakt Zuneigung, Liebe, Ehrerbietung oder Vertrautheit ausdrückt. Filmküsse sind oft der Höhepunkt oder Schlusspunkt eines Spielfilms, meist das sogenannte „Happy End“.


Volker Hildebrandt/ Filmküsse / Frühstück bei Tiffanys / 2019, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm, € 7.000,00
Wie auch hier bei dem gemalten Kuss nach „Frühstück bei Tiffany“ (1961). Obwohl der Film ja in Farbe gedreht wurde, hat Volker Hildebrandt alles in ein neutrales Schwarz-Weiß-Grau-Spektrum umgewandelt. Jede Nuance ist dabei mit dem Pinsel aufgetragen, altmodisch und ehrlich, Punkt für Punkt. Wie in einem impressionistischen bzw. pointilistischen Gemälde. Ist es Neo-Pointilismus? Kneift man die Augen zusammen, wird das Bild scharf gestellt.

Volker Hildebrandt/ Filmküsse / Frühstück bei Tiffanys / 2019, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm, € 7.000,00
In dem Bild wurde genau der Moment eingefangen, indem Holly Golightly (gespielt von Audrey Hepburn) und Paul Varjak (George Peppard) sich im strömenden Regen von New York City küssen, nachdem Holly ihren Kater wiederfand. Der Zauber der Emotionen trifft uns mit ganzer Wucht, weil Holly ihre Angst vor Bindungen überwunden hat und sich endlich auf Paul einlässt. Wir als Betrachter sind berührt von der Innigkeit sichtbar gewordener Liebe. Gern wollen wir diesen Moment festhalten. Der Künstler tat dies für uns, indem er dieses Bild malte. Das Bild bietet seinem Käufer und zukünftigen Besitzer die Möglichkeit, diesen Glücksmoment für immer in sein Leben zu holen. Täglich mit einem Kuss geweckt werden, das könnte wunderbar sein.


Volker Hildebrandt/ Madonna und Britney Spears / 2019, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm, € 7.000,00
Möglicherweise ist es aber auch der Kick beim Betrachten des provozierenden Kusses zwischen Madonna und Britney Spears, der Ihr Herz zum klopfen bringt? Es gilt immer noch als eine Provokation, wenn sich zwei Frauen öffentlich küssen. Zumal eine gewisse Erotik mitschwingt. In einem Bruchteil einer Sekunde werden sich die Lippen der beiden Frauen berühren. Beide haben die Augen geschlossen, um das Knistern zu spüren.

Die beiden Superstars der Musikszene küssten sich bei der Eröffnung des MTV Video Music Awards, 2003, am 28. August in der Radio City Music Hall in New York City. Der berühmte Kuss geschah während einer Performance von „Like a Virgin“. Und schon hat man die Melodie im Kopf und singt im Gedanken mit.


Volker Hildebrandt/ Filmküsse / E.T. – Der Außerirdische / 2019, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm , € 7.000,00
Eine ganz andere Melodie schwingt in dem Bild mit, welches Volker Hildebrandt von dem Alien E.T., dem liebenswürdigen Außerirdischen mit den großen traurigen Augen und dem schildkrötenähnlichen Kopf, gemalt hat. In dem Filmklassiker „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) küsst die damals siebenjährige Drew Barrymore in ihrer Rolle als Gertie das Alien auf die Nase. Sie tröstet E.T., der Heimweh hat und so gerne „nach Hause telefonieren“ möchte, mit einem Kuss.

Ausschnitt Volker Hildebrandt, E.T.
Es scheint, als habe der Künstler hier einen feineren Pinsel benutzt, als bei den anderen Gemälden der Serie. Die rasterartige Punktierung der Pinselstriche ist differenzierter, präziser und beinahe zärtlich aufgebracht. Ganz so, als wolle er die zärtliche Geste zwischen dem kleinen Mädchen und dem vermeintlichen Monster mit seinem großen Heimwehschmerz nicht stören. Nicht nur alle Menschen sind gleich, sondern darüber hinaus vielleicht alle begabten Lebewesen aller Sternensysteme. Damit hätte man Steichens Botschaft einer Menschheitsfamilie ausgedehnt auf das ganze Universum. Ein grandioser Gedanke!

Volker Hildebrandt/ Titanic / 2019, Acryl auf Leinwand, 60 x 80 cm, € 7.000,00
Noch eine wunderbare Filmmusik, die uns einfällt, wenn wir die gemalte Kuss-Szene aus Titanic (1997) sehen. Der von James Horner komponierte Soundtrack mit dem Welthit “My Heart Will Go On”, gesungen von Céline Dion. Zur Musik küssen sich Jack Dawson (Leonardo DiCaprio) und Rose DeWitt Bukater (Kate Winslet). Jack, der hübsche Junge aus der unteren Klasse hat alle unsere Sympathien. Er beschließt, aus den Zwängen, die ihm die Gesellschaft auferlegt, auszubrechen und verliebt sich in Rose, aus der ersten Klasse. Über seinen eigenen Tod hinaus, lehrt er Rose, aus den gesellschaftlichen Konventionen auszubrechen, ihr eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu genießen.

Ausschnitt aus Volker Hildebrandt, Titanic
Mit der Botschaft, dass wahre Liebe über alle Konventionen hinweg, stärker ist als der Tod, gibt uns James Cameron Hoffnung und macht Mut. Gleichzeitig warnt er mit seinem Film davor zu glauben, der Mensch könnte die Natur beherrschen. Arroganz und Sebstüberschätzung führten zur Tragödie, dem Untergang der Titanic. Der Film ist ein Plädoyer für Menschlichkeit, Liebe und Demut gegenüber der Natur. Die Gemälde von Volker Hildebrandt verkörpern all diese Emotionen und tiefen Erkenntnisse.

Aus Family of Man, Italy, Gotthard Schuh
Geht es im Leben nicht immer um die Liebe? Die Liebe zwischen zwei Menschen, aber auch um die Liebe der gesamten globalen Menschheitsfamilie, denn wahrscheinlich ist es die einzige Chance für die Menschheit, auch in Zukunft zu überleben. Und so sind wir wieder bei THE FAMILY OF MAN, dem Opus Magnum und Vermächtnis Edward Steichens, UNESCO Weltdokumentenerbe seit 2003.
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