Was habe ich mit Fussball zu tun? Gar nichts, außer das es ein Teil meiner Kindheit ist, denn man Vater war besessen davon. Er kaufte vorsorglich drei Fernseher, die er überall strategisch positionierte, damit er bloß kein Spiel verpasste, wenn wir Mädchen etwas anderes sehen wollten, oder er auf dem Schiff mit seinen Kumpanen zusammensaß. Dann konnte ich mit meinen Pubertätspickeln (wurde laut verkündet) nur stören, wenn ich ausversehen vor der Mattscheibe stand.

Aber es gab eine Ausnahme, die mein Herz höher schlagen ließ: Diego Maradona. Sein Spiel war für mich wie ein Sinnbild von Leben und Philosophie: Beweglich bleiben, den Ball annehmen, die Hindernisse umlaufen, möglichst ohne sie zu berühren, dabei das Ziel verinnerlichen, es nie aus den Augen verlieren, um dann mutig und entschlossen zu schießen, auf das Tor. Schlicht hört sich das an und verlangt doch so unglaublich viel.

Die Süddeutsche Zeitung fasst es in ihrem Nachruf auf das Idol, den wohl bekanntesten Mann der Welt, vor ein paar Tagen zusammen: „Diego ist, so könnte man es auch sagen: das Leben.“ Ich fühle mich erinnert an damals, als ich mir meine Welt zusammenbaute.

Abb: Der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini liebte den Fussball, spielte für Bologna und schrieb mehrere Artikel über Fussball als Sprache.

Der italienische Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922 – 1975) schrieb schon 1971: „das Dribbling in sich ist poetisch“. Und weiter heißt es bei ihm beinahe hellseherisch, denn zu dem Zeitpunkt wusste noch keiner etwas von dem kleinen Mann aus Argentinien: „Der Traum eines jeden Spielers besteht darin, im Mittelfeld zu starten, alles auszudribbeln und ins Tor zu treffen … Aber das passiert nie.“

Oder doch? Und wenn, dann ist es der Grund, warum das Tor 1986 während der Weltmeisterschaft gegen England für uns Nachkriegsgeborenen zu dem Tor des Jahrhunderts wurde.

 

44 Schritte, 12 Ballberührungen und millionenfache Klicks im Netz. „Schönheit in Bewegung“ (Süddeutsche Zeitung, 17.11.2020)