Wo beginne ich mit dem Erzählen, schließlich gibt es mal wieder eine Tagesbericht-Lücke. Gestern! Der Grund: ein versenktes Handy im Klo, ein fehlendes Internet. Ansonsten: alles Bestens! Mehr als das, denn ohne die ständigen SMSen, die e-mails, das sofortige Reagieren auf jedes Pling konnte ich mich ausnahmslos auf die Kreativität und Toska konzentrieren, 48 Stunden lang nur Designerin sein, während mein Telefon im Reisbett schlief. Voilà die Premier Vision, die größte Stoffmesse der Welt in Paris.

Drei Kollektionen in Abfolge galt es zu skizzieren, zu komplettieren, zu visualisieren und darüberhinaus in den großen Rahmen unserer Zeit zu stellen. Wie faszinierend! Toska und ich unterhielten uns über das Leben, die philosophischen Fragen unseres Daseins. Es ging um Natur, um Nachhaltigkeit, um Kunst, um künstliche Intelligenz. “What if the solution were to be found in nature?” heißt es immer wieder.

Alles verändert sich! Wer hätte gedacht, das Federico, der Wegbegleiter für so vielen Saisonen, und ich uns irgendwann über unsere tiefsinnigen Gedanken unterhalten anstatt über die Stoffe. Inbrünstig erklärt er mir, wie wichtig Humanity ist und dass wir sie nicht dem kühlen technologischen Fortschritt opfern dürfen. Er spielt Gitarre, er spielt Klavier und geht in den Wald oder in die Berge. Er braucht diese Freiräume.

Die Direktorin der Premier Vision formuliert es wegweisend: “Above all, fashion today reflects a deep desire to build a different world – one that’s ethical, responsible and focused on the essential.” (Pascaline Wilhelm, Fashion Director Premier Vision).

Zwei Tage lang haben Toska und ich versucht, diese andere Welt zusammenzusetzen mit den schönsten Stoffen aus Frankreich und Italien. Es ging darum, die Zartheit und das Schwebende der Unterwasserwelten von Ernst Haeckel einzufangen (Frühjahr/Sommer 2020). Die Medusen und Radiolarien verschmelzen mit dem Geflecht der Materialien.

Neben Toska sitzt Adele Zibetti, die Grande Dame der innovativen extravaganten bestickten Tülle. Unzählige Auszeichnungen hat sie erhalten. Wir arbeiten seit vielen Jahren zusammen, ihre Dessins prägten immer wieder das Bild von Roma e Toska. Sie ist unermüdlich, in jeder Kollektion erfindet sie sich wieder neu in einer Mischung aus Hightech und Poesie.

Für den Herbst-Winter 2020/21 versuchen wir die Bilder von dem Hochland-Dschungel des Ruwenzori Nationalparks in Uganda mit verschiedensten Stoffen zu einer zeitlosen Aussage werden zu lassen. Es führt uns zu den Ursprüngen von Natur.

Und dann steht noch die große Frage aus: Was kommt im nächsten Jahr? Es ist das nachdenklich stimmende  Thema der künstlichen Intelligenz, der Verschiebung von Realität, der nachgebauten Natur, mit recyceltem Plastik, Hightech Materialien und deren Herstellung.

Toska erinnert sich an die altmodischen Wackelpostkarten, der Blick wird unscharf, weil er zwischen den Welten hin-und-her geht. Unglaublich spannend ist das alles, und wir Beide haben uns auf den Weg gemacht, dafür die textilen Antworten zu suchen: Toska als Studentin der Philosophie, ich als Querdenkerin und Designerin, wir beide mit einem kreativen Instinkt für Fashion. Ihr werdet sehen!

Es ist beinahe Abend, wir  haben eine irrsinnig schöne Strickkollektion geordert (Danke Sibylle!) und sitzen mittlerweile bei Chartier bei einem Billigessen und einer Karaffe Wein. Die Diskussion geht weiter endlos (!) über das Reisen, die Philosophie, exklusive Basics und eine Mode, die mehr ist als nur eine Skala von Farben an der Stange …