Es geht um Leidenschaft und noble Begierde, um Verführung und den Wunsch etwas zu besitzen. Susan Sontag, eine der interessantesten Denkerinnen der 20. Jahrhunderts, verwebte essayistisch das Thema des Sammelns in ihrem Roman “Der Liebhaber des Vulkans”. Die Lektüre diente mir zur Vorbereitung für den Abend in der Kapelle in Keitum mit Christiane Gräfin zu Rantzau, ehemals Chairman Christie’s, und mit Frederik Schwarz, sen. Jewellery Specialist Christie’s. Wie jedes Jahr ist es ein kleines gesellschaftliches Highlight im Sylter Sommerkalender mit illustren Besuchern. Von den Anfängen der Wunderkammern bis in unsere heutige Zeit: Warum sammeln wird?

Wenn zu Beginn unserer Evolution der Beutel war, wie die berühmte Anthropologin Ursula K. Le Guin schreibt, und keineswegs Pfeil und Bogen, wie die Männer uns glauben lassen wollen, dann steckt das Sammeln in unseren Genen. Ging es zunächst um die Nahrung und das schlichte Überleben, so wurde daraus schnell die Begierde für dekorative Dinge und Kuriositäten: Perlen, Muscheln, Raritäten. Wir können die Liste weiterführen zu den Kunstwerken, dem Schmuck, den Briefmarken, Uhren, Autos…

Meine beiden Gäste zeigen die Pretiosen mit Geschichte und Geschichten dem neugierigen Publikum. Die Kapelle ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Überraschend oft taucht Katharina die Große auf, gebildet, umgeben im 18. Jahrhundert von internationalen Kunstkennern. Sie erwarb die Bibliothek von Diderot, ließ sich von Voltaire beraten und gab das eine oder andere außergewöhnliche Schmuckstück in Auftrag. Ach, könnten wir doch wie früher nach St. Petersburg oder nach Moskau reisen, um dort in den Museen zu stöbern, was Sammelleidenschaft zusammenträgt, Objekte, “von Ewigkeit zu Ewigkeit”, wie die Pastorin ergänzt.

Sprechen wir über die letzten Jahrzehnte, so dürfen unter den Sammlern Namen wie Yves Saint Laurent oder Liz Taylor nicht fehlen. Ihr Besitz kam unter den Hammer nach ihrem Tod. Endet das Sammeln mit dem Leben des Sammlers? Hat sich der dynastische Begriff des Sammelns verflüchtigt? Die Zeiten haben sich auf jeden Fall verändert, sind schnelllebig geworden, Moden und Geschmack unterworfen, leiden unter geopolitischer Unsicherheit. Was der einen Generation gefiel, trifft nicht unbedingt die Vorlieben der Erben. Es bewahrheitet sich, was schon lang gilt, Kunst und wertvolle Schätze sind gemacht, um zu wandern, um als Sammlung oder als Solitäre in anderen Kontexten fortzubestehen.

Susan Sontag gibt auch hier ein paar provokante Thesen zum Besten, wenn sie schreibt: “Jeder Sammler ist auch ein Komplize des Ideals der Zerstörung”. Welch ein Sammler hat nicht schon von einer Katastrophe ge(-alb-)träumt, einem Brand, einem Raub, die ihn von seiner Sammlung erlösen. Ende und Neubeginn. Toulouse-Lautrec war ein passionierter Sammler, war seine Wohnung voll, schloss er sie ab, bezog eine neue und freute sich, wieder von vorn zu beginnen.

Ganz so radikal denken wir nicht. Nur eine Tendenz mag der eine oder andere mit zunehmenden Alter an sich festgestellt haben: Es sind weniger die Marktwerte der Objekte, die uns noch interessieren, als die ideellen Werte, die den Dingen anhaften, die uns umgeben. Die Wolldecke, die uns ein Leben lang begleitete, der Silberbecher von Mama, den sie aus dem brennenden Warschau rettete, der Lieblings-Pullover mit den Löchern.

Am Ende von “Citizen Kane” flüstert der Mann (Orson Welles), der alles besaß, auf dem Sterbebett das Wort “Rosebud”, den Namen, der auf dem Schlitten seiner Kindheit stand. Vielleicht sammelte er nicht die richtigen Dinge,wie Schönheit und Wissen, die auf uns überstrahlen.