Der Kultursommer St. Severin hat es in sich, vor allem in dieser ersten Woche im August: jeden zweiten Tag ein Event, ein neuer Gast, ein neues Thema: der Philosoph Francisco José Soler Gil aus Sevilla von den “Anfängen des Seins“, die Schriftstellerin Birgit Haustedt aus Hamburg über den Jahrhundertroman “Moby Dick“, und heute in der Kirche in Keitum das Midnight-Reading von Rainer Maria Rilke und den Duineser Elegien (22:00 Uhr). Den Anfang all meiner “Highlights” machte jedoch die Direktorin der Justizvollzugsanstalt für Frauen mit vier Standorten in Berlin: Bärbel Bardarsky, hier mit ihrem Mann Alex beim Binden der Tropenwald-Fliege.

Sie ist eine echte Erscheinung, schmal und groß, mit diesem kurzen schwarzhaarigen Wuschelkopf, den aufmerksamen Augen und dem lachenden Mund. Wir trafen uns über die Jahre regelmäßig in Kampen im Kapitänshaus, sie die Kundin, ich die Designerin. Viel wusste ich nicht von ihr, aber ich besitze ein Gespür für außergewöhnliche Menschen und dachte intuitiv, dass dieser Abend in der Kapelle auf dem Friedhof am Meer ein besonderer werden würde.

Umgeben sind wir von Gräbern von Verstorbenen mit ganz unterschiedlichen Schicksalen, Seefahrer und Daheimgebliebene, Menschen, die ein normales Leben führten, und andere, die es aus der Bahn geworfen hat, Täter und Opfer. Unsere Veranstaltung fällt scheinbar zufällig auf den 1. August. 1944 brach an selbigem Tag der Warschauer Aufstand aus, der den Vater meines Mannes zum Held machte und mehr als Hunderttausenden das Leben kostete, die SS-Gruppenführer Heinz Reinefahrt ermordern ließ. Zu mehr reichte die Monition nicht, wie er bedauernd notierte. Er liegt hier auf de Friedhof begraben. Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe? Nie wurde er verurteilt. Ich erlaube mir in der bis auf den letzten Platz gefüllten Kapelle diesen kurzen Abstecher in die blutige Geschichte, die bis heute nachwirkt.

Wie verläuft ein Leben? Selten linar. Bärbel Bardarsky wollte Medizin studieren, für Menschen da sein. Ihr Vater bestand auf Jura. Zunächst gab es wenig Begeisterung von ihrer Seite, bis ihre Karriere an Fahrt aufnahm. Sie wurde Richterin in Berlin. 2012 ging sie in die Senatsverwaltung für Justiz, übernahm sukzessive die Aufsicht über viele Themenbereiche aller Vollzugsanstalten der Stadt. Seit 2018 ist sie Direktorin der Justizvollzugsanstalt für Frauen. Menschen sicher unterbringen und sie unterstützen, dass sie sich wieder in die Gesellschaft integrieren, eine Aufgabe, die sie mit Souveränität, umsichtiger Detailarbeit und viel Einfühlungsvermögen betreibt. Der Kreis schließt sich.

95% aller Gefängnisinsassen in Deutschland sind Männer. Interessanter Weise unterscheidet sich die Struktur der Delikte geschlechterspezifisch nur wenig. Männer neigen eher zu Rohheitsdelikten als Frauen, obwohl auch unter ihnen schwere Straftaten zu finden sind. Ein Großteil der Frauen wird wegen kleiner Delikte inhaftiert, von nicht bezahlten Strafzetteln, Schwarzfahren bis hin zu Ladendiebstahl. Hier müsste sich das System reformieren, meint Bärbel Bardarsky. Eine Beugehaft mit € 50 den Tag kostet den Staat das Fünffache an Steuergeldern und Aufwand. Wie bei den Männern nehmen die Betrugsdelikte unter den gewichtigeren Vergehen einen beträchtlichen Anteil ein. Jenseits der Statistiken steckt jedoch hinter jedem Urteil ein Einzelschicksal, mit dem sich das Team von Bärbel intensiv beschäftigt.

Gebannt hängen wir an den Lippen dieser Frau, bei der die komplexen Vorgänge von Strafvollzug zusammenlaufen. Wann hat man schon die Gelegenheit, fundiert hinter solche Kulissen zu schauen. Was passiert beispielsweise mit Frauen, die schwanger ins Gefängnis kommen, die ihre Babys “hinter Gittern” gebären? Ein Jahr dürfen diese bei der Mutter bleiben, manchmal auch zwei, höchstens drei, dann kommen sie in Pflegefamilien. Eine Vollzugsanstalt ist kein Ort für Kinder. Bärbel erzählt von dem Mädchen, das im Kindergarten immer vor der geschlossenen Tür stehenblieb. Im Gefängnis öffnet man im Normalfall die Türen nicht selbst.

Alex Bardarsky, der Mann an ihrer Seite, ein Poet, ein Feingeist.

Eine grundsätzliche Herausforderung liegt darin, die Gefangenen möglichst schnell vom geschlossenen Vollzug in den offenen Vollzug zu überführen, damit sie sich den Alltag draußen Schritt für Schritt wieder aneignen können. Strafe wird zur stufenweisen Resozialisierung. Interessant zu hören, dass keine ihrer ehemaligen Schwerstkriminellen, die die Sozialtherapie durchlaufen haben, rückfällig wurden. Trotzdem erhält Bärbel Anfeindungen aus dem rechten wie dem linken Lager. Die vier Künstlerinnen aus unserer zweiten “Artist in Residence” Runde reisten vorzeitig ab, weil sie nicht mit einer Gefängnisdirektorin unter einem Dach schlafen wollten. Vorverurteilungen, an denen unsere Gesellschaft krankt.

Bärbel Bardarsky hat uns allen einen eindrucksvollen Abend geschenkt, wie man mit Leidenschaft, Herzenswärme und Entscheidungskraft an einem Ort wirken kann, an dem die Abgründe und dunklen Seiten des Lebens gegenwärtig sind.