Wer kann es nicht nachsingen, das “Lied von der Unzulänglichkeit” aus der Dreigroschenoper von Bertold Brecht (1898 – 1956). Schon mit den ersten Zeilen verfällt man in den harten Rhythmus der Großstadt, in das Staccato der pulsivierenden Moderne. Berlin 1928. Dann der Refrain, der von Strophe zu Strophe ein Wort austauscht von “schlau” zu “schlecht”, von “nicht anspruchsvoll genug” zu “nicht gut genug”. Kurt Weill vertonte das Gedicht, und ich lese es einmal, zweimal, dreimal, viermal und auf Bitten noch ein fünftes Mal. Jedesmal lausche ich selbst dem sich verändernden Klang, und der damit variierenden Deutung.

Es ist 5.30 Uhr in der Kapelle auf dem Friedhof am Meer. Der Weg vom Pastorat in Tinnum entlang der Wiesen, Richtung der aufgehenden Sonne ist jedes Mal der Gleiche und doch, das Licht ist anders, der Duft ist anders, der Mond steht über St. Severin. Habe ich einmal den grausigen Klingelton des Weckers (4:25 Uhr) überwunden, ist das Morning-Reading einfach nur pure Lebensfreude.

Ein Erlebnis vor dem Tag, vor der Zeit, die durchgetaktet später seinen Lauf nimmt, selbst im Urlaub: Schlangestehen beim Bäcker, Stand-Verabredungen, Lesepensum, Anrufe in Italien … Jeder hat seine eigenen Verpflichtungen, nur beginnen die noch nicht um 5:30 Uhr. Wir sind verschlafen, wir sind entspannt und so fallen uns die Verse spätestens beim dritten Vorlesen in die Seele.

Lied von der Unzulänglichkeit

Der Mensch lebt durch den Kopf
der Kopf reicht ihm nicht aus
versuch es nur; von deinem Kopf
lebt höchstens eine Laus.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlau genug
niemals merkt er eben
allen Lug und Trug.

Ja; mach nur einen Plan
sei nur ein großes Licht!
Und mach dann noch´nen zweiten Plan
gehn tun sie beide nicht.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht schlecht genug:
doch sein höh´res Streben
ist ein schöner Zug.

Ja; renn nur nach dem Glück
doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht anspruchslos genug
drum ist all sein Streben
nur ein Selbstbetrug.

Der Mensch ist gar nicht gut
drum hau ihn auf den Hut
hast du ihn auf den Hut gehaut
dann wird er vielleicht gut.
Denn für dieses Leben
ist der Mensch nicht gut genug
darum haut ihn eben
ruhig auf den Hut.

Wie die Montage zuvor stehen wir noch ein wenig fröstelnd mit einem Kaffee in der Hand vor der Kapelle und plaudern. Dann spute ich mich, mit dem Fahrrad vorbei an Bäcker Jessen, bei dem verlockend die Tür zur Backstube offen steht. Ich schnappe mir Hund Bonnie, und ab geht es an den Strand. Umziehen? I-wo, ich bleibe wie ich bin mit Blazer und Hut.

Köstlich, die Woche kann beginnen, ich mache einen Plan, und dieser Plan wird gut …