Den Sternenhimmel können wir beschreiben, aber können wir uns das Universum vorstellen? Es gibt keine größere Grenzfrage als jene zu den Anfängen der Welt. Was war zuerst, das ungeordnete Dunkel, das Unbestimmte und das Chaos oder war es das Wort, wie es in der Bibel steht, der Verstand und die göttliche Ordnung? Gast im Pastorat in Tinnum auf Sylt ist der spanische Philosoph der Kosmologie, Francisco José Soler Gil (von uns kurz nur “Paco” genannt). In seiner ruhigen, besonnenen Art erklärt er mir die kompliziertesten Zusammenhänge. Ich höre ihm zu und versuche mir die wesentliche Punkte zu merken für unser Nachtgespräch in der Kirche von St. Severin in Keitum.

Wenn ich ehrlich bin, springt mein Herz ein wenig unkontrolliert und auch der Puls hat ein paar nervöse Ausschläge, während Paco die Paella kocht, sich ein Glas Wein einschenkt und anschließend genüsslich eine Zigarre raucht. Mein Notizbuch füllt sich, Pfeile und eingerahmte Stichworte verteilen sich über das Blatt. Er erzählt von dem “Nūn” der Ägypter, dem “Tao” der Chinesischen und dem “Nix” der Buddhisten. Für diese alten Kulturen steht das Unbestimmte am Anfang des Seins.

Um 22:00 Uhr soll der Event beginnen, ein Highlight in unserem Kultursommer St. Severin. Wir sind eine knappe Stunde zuvor in der Kirche. Wie schön die mittelalterliche Kirche daliegt im Abendlicht. Dieser Ort besitzt etwas Kraftvolles und Berührendes. Hier über das Universum zu sprechen ist schon einzigartig.

Das Licht im Kirchenschiff ist gedimmt, die Pastorin Susanne Zingel zündet die Kerzen auf dem barocken Kronleuchter an. Festlich sieht es aus. Die ersten Besucherinnen und Besucher treten ein, setzen sich leise zwischen die Bankreihen, tuscheln ein wenig, lächeln und verströmen eine erwartungsvolle Neugierde.

Paco und ich stehen nebeneinander, wir versuchen es ohne Mikrophon, werden unsere Stimme tragen, wird mir alles wieder einfallen, was ich mir über die vergangenen Stunden notiert habe? Platon, Aristoteles, Sokrates, sie alle stellten den Logos an den Ursprung der Schöpfung. Alles Sein ordnet sich einen höherer Idee unter. Aber sie ließen sich eine “Hintertür” offen, einen Rest von Unbestimmt, ein Geheimnis, das sich der Ordnung widersetzt. Der Baumeister braucht einen Werkstoff, ein Material, um die Welt zu schaffen.

Knapp zweitausend Jahre später beschrieb Galileo (wie Augustinus schon im 4. Jahrhundert) das Universum ganz anders, er drehte die logische Abfolge um und sprach von einem Buch, bestehend aus mathematischen Formeln, die der Mensch lernen und entschlüsseln muss. Wieder haben wir es mit den zwei Archetypen des Urzustandes zu tun: das Unbestimmte auf der einen und der Logos auf der anderen. Diese unterschiedlichen Annahmen polarisieren die Geschichte unseres Denkens und Glaubens.

“Weißt Du wieviel Sternlein stehen?” Dmitry Egorovs klare schöne Countertenor-Stimme durchdringt die Nacht und bringt den Raum auf magische Weise zum Schwingen. Ich muss an den jungen Paco denken, der mit seinen Eltern spät abends zurück in sein kleines Bergdorf im Südwesten von Spanien fuhr und die Sterne am schwarzen Himmel betrachtete. Wie weit entfernt müssen sie sein, wenn sie sich nicht bewegen und verändern.

Isaac Newton versuchte Ende des 17. Jahrhunderts den Kosmos zu berechnen, aber seine Gleichungen gingen nicht auf. Sein staatisches Weltbild zeigte immer wieder Fehler. Enttäuscht verschloss er seine Unterlagen in der Schublade. Selbst Albert Einstein ging noch von einem feststehenden Konstrukt aus. Erst wenige Jahre später fanden Wissenschaftler heraus, dass sich das Universum ausdehnt und ein dynamisches ist. Was für eine Revolution.

Mittlerweile kann die Wissenschaft die Anfänge des Seins bis zur ersten Sekunde zurückführen und erklären. Nur was geschah in der ersten Sekunde vor dem Big Bang, als die Materie sich so verdichtete und erhitzte, dass sich die Prozesse nicht mehr erklären lassen? Das Universum liebt die Symmetrien, wie Paco schildert. Überall finden wie sie wie ein höheres sinnstiftendes Prinzip. Aber, ergänzt der Philosoph und Physiker, es braucht die Symmetrie-Brechung um Formen zu bilden. Es ist dieser “Rest” des Unbekannten, den schon Sokrates erwähnte, um Formen enstehen zu lassen. Also muss am Anfang die Form gewesen sein, die einer göttlichen Idee folgend sich dynamisch verändert.

Unmerklich seufze ich, die Spannung fällt ab, der Kreis scheint sich zu schließen. Ist es eine Synthese der beiden großen Archetypen? Innerlich aufgewühlt und gleichzeitig erleichtert setze ich mich auf die Bank im Chorraum und lausche erneut der Stimme von Dmitry Egorov: “Christe o adoramus te“. Die Pastorin hatte es schon geahnt, als sie mir zuflüsterte: “Nicht weinen.” Hilft nichts, ich muss weinen, es ist viel gewaltiger als ich dachte, die Kirche, die nächtliche Stunde, das Universum in seinen unvorstellbaren Dimension bis hin zu der ersten Sekunde der Schöpfung.

Anschließend ist Susanne Zingel an der Reihe. Ich hoffe, sie greift es in einer ihrer nächsten Sonntagspredigen noch einmal auf. Ich kann mich nicht konzentrieren. Nur eines bleibt in meiner Erinnerung: Hiob, der die Erde an einem Faden hält über dem schwarzen Nichts. Zum Abschluss erklingt noch einmal der Gesang des Countertenors mit “Der Mond ist aufgegangen” das Abend- und Wiegenlied von Matthias Claudius (1779). Wie schön ist das, wie überwältigend schön! Das Begreifen fängt mit dem Fühlen an.
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