Langschläferinnen und Langschläfer würden mit Entsetzen die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Gedichtstunde um 5:30 Uhr, erinnert an Schule, unchristlich früh, lange vor dem Wachwerden… – Mag sein für die einen, aber nicht für die anderen. Gut gelaunt trällere ich mein musikalisches Fantasie-Potporri, während ich auf dem Fahrrad von Tinnum nach Keitum radele. Hinter den Feldern zeigt sich St. Severin und östlich davon die aufgehende Sonne. Es duftet nach Morgentau und Wegesrandblumen. Kultursommer-Romantik.

Kaum auf dem Friedhof angelangt, treffe ich schon die ersten Gäste für das Morning Reading. Es sollten insgesamt 20 werden, die sich zusammenfanden um dem Gedicht zu lauschen:

Robert Frost (1874 – 1963)
The Road Not Taken
Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;
Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that, the passing there
Had worn them really about the same.
And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads to way,
I doubted if I should ever come back.
I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I–
 I took the one less traveled by,
And that has made all the difference.
Der amerikanische Schriftsteller und vierfache Pulizer-Preisträger Robert Frost schrieb es für einen Freund in England, mit dem er regelmäßig im Wald spazierengegangen war, und der sich nie entscheiden konnte, ob er links oder rechts abbiegen sollte. Er schrieb es mit einem Schmunzeln, ohne zu ahnen, dass dieses “Schweideweg”-Poem einmal weltberühmt werden sollte. Ich lese es langsam auf Englisch mit seinem wunderschönen Klang.
Anschließend trug ich die deutsche Übersetzung vor von Paul Celan, dem deutschen Lyriker der Nachkriegsjahre, enger Freund und Lebensgefährte von Ingeborg Bachmann. Für mich ist es die schönste Adaption.
Paul Celan (1920 – 1970)
Übersetzung “Der unbegangene Weg”
In einem gelben Wald, da lief die Straße auseinander,
und ich, betrübt, daß ich, ein Wandrer bleibend, nicht
die beiden Wege gehen konnte, stand
und sah dem einen nach so weit es ging:
bis dorthin, wo er sich im Unterholz verlor.
Und schlug den andern ein, nicht minder schön als jener,
und schritt damit auf dem vielleicht, der höher galt,
denn er war grasig und er wollt begangen sein,
obgleich, was dies betraf, die dort zu gehen pflegten,
sie beide, den und jenen, gleich begangen hatten.
Und beide lagen sie an jenem Morgen gleicherweise
voll Laubes, das kein Schritt noch schwarzgetreten hatte.
Oh, für ein andermal hob ich mir jenen ersten auf!
Doch wissend, wie’s mit Wegen ist, wie Weg zu Weg führt,
erschien mir zweifelhaft, daß ich je wiederkommen würde.
Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst
und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:
Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander,
und ich, ich schlug den einen ein, den weniger begangnen,
und dieses war der ganze Unterschied.
Aus Respekt vor der Morgenrunde habe ich auf Fotos von einzelnen Personen und der Gruppe verzichtet.
Wir blieben noch eine Weile beisammen. Es gab Kaffee und ein paar Kekse. Jeder ging seinen eigenen Gedanken nach und erzählte davon, wann und wo gab es solche Situationen, in denen man Entscheidungen treffen musste, die schicksalhaft sich aufwirkten.
Welche Richtung wir auch wählten, sie führte zu den nächsten Verästelungen und weiter und weiter. Niemand kehrte zurück an die Stelle, die Robert Frost beschreibt. Ein Leben kann nicht doppelt gelebt werden. Egal, ob wir den ausgetretenen oder weniger begangenen Pfad wählen. Und so kennen wir den Seufzer, um die passten Chancen, die Wehmut, um die nicht gegangenen Wege.
Das erste Morning Reading werden wir alle als ein ganz besonderes Sommer-Sylt-Erlebnis im Gedächtnis behalten. Am kommenden Montag, den 20. Juli, um 5:30 Uhr, lese ich das nächste Gedicht der Weltliteratur vor. Ich verrate nichts, nur dass es um Liebe geht!
Wer Lust hat, kommt schon heute Abend, um 18:30 Uhr, in die Kapelle nach der Andacht. Mein Gesprächs-Gast ist Malerin Feodora Hohenlohe, unser Thema “Zwischen Society und Stille”.