Es regnet, müde sitze ich an dem großen Holztisch. Katerchen ist gerade von seinen nächtlichen Streifzügen zurückgekehrt. Zwei Wochen ist es her, dass wir in der von Kapitän Petersen 1912 gestifteten Kapelle auf dem Friedhof am Meer besammen saßen. “Moby Dick“, ein Jahrhundertroman. Es ist der Auftakt einer Trilogie mit der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Birgit Haustedt. In den drauffolgenden Tagen sollten Rilke und die “Duineser Elegien” sowie Ingeborg Bachmann “Undine geht” folgen. Aber erst einmal dreht es sich um ein Buch, das alle kennen und doch nicht kennen, um eine Abenteuergeschichte, die sich zu einem großen Gesellschaftsroman ausweitet und zu einer Parabel von Mensch gegen Natur.

Vorangestellt sind Auszüge aus dem Material eines “inzwischen verstorbenen schwindschüchtigen Mittelschuldhilflehrer” oder eines “Unter-Unterbibliothekars”, mit Zitaten aus der Genesis, aus Hamlet oder von Montaigne, scheinbar verstaubtes altes Wissen, das die Geschichte in einen universalen (biblischen) Kontext einbettet und damit klarmacht, hier geht es nicht nur um den Walfang.

“NENNT MICH ISHMAEL.” Dieser kurze Satz gehört zu den schönsten Anfängen der Weltliteratur, und bietet allein Stoff für einen ganzen Abend. Stefan Hartmann liest mit seiner mächtigen, kratzig-tiefen Stimme, und es vibriert unheilsschwer durch den Raum. Ishmael, den Ich-Erzähler, reizt es nach einer Weile an Land wieder an Bord eines Walfängerschiffes zu gehen. “Das ist so meine Art, die Trübsal zu vertreiben und die Blutzirkulation zu regulieren.” Herman Melville (1819 – 1891) heuerte selbst als junger Mann auf einem Schiff an, wurde anschließend Volksschuler bis es ihn wieder hinaustrieb aufs Meer. Drei Jahre sollte seine gefährliche Südsee-Reise dauern, die er in der Erzählung “Typee” festhielt. Ein Bestseller zu seiner Zeit, anders als der spätere “Moby Dick” (1851), von dem zu seinen Lebzeiten nur 3.000 Bücher verkauft wurden. Vergessen für mehr als ein halbes Jahrhundert.

Stefan liest die nächste Passage, die Begegnung mit Queequeg, dem tätowierten Hapunier, dem Kanibalen, dem “edlen Wilden” von imposanter Gestalt, der sein Freund und Retter werden sollte. Als nächstes die Beschreibung der “Pequod”, dem Schiff, mit wesenhaften Zügen, geschmückt “wie ein äthiopischer Kaiser”, benannt nach einem ausgerotteten Indianer-Stamm. Sie ist keine Arche Noah, sondern das Gefährt einer Schicksalsgemeinschaft, Abbild einer Gesellschaft, kurios und schwermütig zugleich.

Hinter jedem Wort verbirgt sich eine Vieldeutigkeit, ein düsterer Klang, der uns vorrantreibt in der Geschichte und wieder ausbremst, als müssten wir in allen Details das große Ganze lernen, um das Zerstörerische zu begreifen.

Auf Seite 200, Kapitel XXVIII dann Kapitän Ahab, dem einst der Weiße Wal das Bein abriß und der nun Rache üben will. Niemand hat ihn bisher gesehen: “Ja, ihr oberster Herr und Diktator war da, obwohl bis dato von keinem Auge erblickt, welchem nicht erlaubt, in die nun geheiligte Zurückgezogenheit der Kajüte vorzudringen.” Der zerlumpte Elia erzählt über ihn “diabolische Ungereimtheiten”. Sorgsame Leserinnen und Leser stutzen sofort: “Elias”, war das nicht der Prophet, der im 9. Jahrhundert v. Chr. den Tod des grausamen König Ahab voraussagte? Ein faszinierendes Netzwerk von Verweisen das Melville ausbreitet. Ahab schwört die Matrosen zum widerspruchslosen Gehorsam ein und es ist Stefans Stimme, die uns mit Gänsehaut an die Weltvernichter des 20. und 21. Jahrhunderts denken lässt.

Und dann endlich, fast auf den letzten Seiten taucht er auf: Moby Dick. “Ein mildes Frohlocken – die sanfte Macht der Ruhe bei aller Geschwindigkeit umgab den dahingleitenden Wal. (…) nicht Zeus, nicht jene große allerhöchste Majestät konnten den Weißen Wal in seiner ganzen Herrlichkeit übertreffen, wie er da so göttlich dahinschwamm.”

Es ist der Mensch, der diese Ordnung zerstört, der die Natur zwingt, Vergeltung zu üben. Apokalyptisch. Hier zeigt sich Melvilles großes Sprachtalent, wird der Roman zu einem modernen Meisterwerk. Wörter, die sich atemlos aneinanderdrängen, ohne zu unterscheiden zwischen “Beseeltes und Unbeseeltes”, zwischen gut und böse. Abrupt wieder es still und das Meer rollt, “wie es sich vor fünftausend Jahren schon hingerollt.” Wir halten den Atem an in der Kapelle der Seefahrer.

Und ich bin allein entronnen, daß ich dir’s angesaget.” Hiob.

Wer in dieser Woche Modelle aus der Encyclopedia Kollektion mit dem Motiv “Artik Fauna” bestellt, erhält das antiquarische MARE Heft “Moby Dick” als Geschenk dazu.