Die chronologische Reihenfolge der Berichte aus diesem Kultursommer ist schon lange durcheinander, die einen besitzen die spontane Frische, die anderen die fabulöse Erinnerung. Zu letzteren gehört die Lesung von Ingeborg Bachmanns Novelle “Undine geht“, veröffentlicht in dem Erzählband “Das dreißigste Jahr” (1961). Erneut sind es die Schriftstellerin Birgit Haustedt und ich, die das Programm bestreiten, kaum, dass die Nacht mit Rilkes Duineser Elegien zu Ende ging. Drei Stunden Schlaf, dann das Morning Reading, und abends die wunderbare Bachmann, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätte.

Wie immer ist meine Gesprächspartnerin aufs Beste vorbereitet, liefert die Hintergründe für die subtilen Verweise in dem Text. Wir unterhalten uns am Meer und weiter am Tisch im Pastorat in Tinnum. Womit fangen wir an, was lassen wir weg? Ich bin überfordert, nichts darf man auslassen. Diese Erzählung ist so komprimiert wie ein Gedicht, jeder Satz ist wichtig.

Wir entscheiden, abwechselnd zu lesen, nur Weniges zu überspringen und dabei das Leben der schillernden Literatin einzuflechten, angefangen beim Titel:
„Undine geht!“
Ein genialer Streich. Undine, das halbgöttliche Elementar-Wesen des Wasser, kann eigentlich nicht gehen, denn ihr Unterkörper ist eine fischartige Flosse. Verliebt sie sich jedoch in einen Mann (wir kennen es aus “Arielle”) und er sich in sie, dann darf sie Mensch werden, solange bis er sie verstößt. Sie verliert ihre Stimme und muss zurück in ihr feuchtes Element. Ingeborg Bachmann dreht das archetypische Bild radikal um, Undine wird nicht verlassen, sie geht, freiwillig, aufrecht.

Birgit Haustedt übernimmt den ersten Part: “Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer! Ihr Ungeheuer mit Namen Hans! Mit diesem Namen, den ich nie vergessen kann. Immer wenn ich durch die Lichtung kam und die Zweige sich öffneten, wenn die Ruten mir das Wasser von den Armen schlugen, die Blätter mir die Tropfen von den Haaren leckten, traf ich auf einen, der Hans hieß. (…)”

Unversöhnlich der Ton. Wer ist Hans? In einem Interview sagte Bachmann, sie wäre “Hans”, Mann und Frau zugleich. Es gab aber auch einen realen Hans (Hans-Werner Henze), und dann gab es das Schreiben. Sie wechselt die Seiten und verwirrt uns, eine hochbegabte Schriftstellerin zwischen männlichen Kollegen.

Nun bin ich dran: “Ich habe keine Kinder von euch, weil ich keine Fragen gekannt habe, keine Forderung, keine Vorsicht, Absicht, keine Zukunft und nicht wußte, wie man Platz nimmt in einem anderen Leben. Ich habe keinen Unterhalt gebraucht, keine Beteuerung und Versicherung, nur Luft, Nachtluft, Küstenluft, Grenzluft …”
Das Lesen fällt mir leicht, als würde sich in der Sprache meine eigene Stimme widerspiegeln, unsere weiblichen Stimmen, die wir leidenschaftlich Leben und Lieben. Nie fordern, um irgendwann gehen zu können.
“Ihr Ungeheuer mit euren Frauen! Hast Du nicht gesagt: Es ist die Hölle, und warum ich bei ihr bleibe, das wird keiner verstehen. Hast Du nicht gesagt …”
Kinderkriegen, Wirtschaftsgeld, Sommerreise, ihre Sätze werden zu einer Abrechnung mit der Liebe und Partnerschaft als “Deal”, als ein Geschäft, das auf Sicherheit setzt.

Birgit und ich sind mitgerissen von diesen Zeilen und ihrer Ehrlichkeit, in der Liebe und Kunst absolut gesetzt werden. „Nur wenn ich schreibe, lebe ich“, sagte Bachmann. Die Kapelle liefert den ungewöhnlichen Rahmen, in dem die Wörter nochmal gewichtiger klingen.
“Aber ich habe euch mit einem Blick gelehrt, wenn alles vollkommen, hell und rasend war – ich habe euch gesagt: Es ist der Tod darin. Und: Es ist die Zeit daran. Und zugleich: Geh Tod! Und: Steh still, Zeit! Das habe ich euch gesagt. (…) Weil ich zu keinem Gebrauch bestimmt bin und ihr euch nicht zu einem Gebrauch bestimmt wußtet, war alles gut zwischen uns. Wir liebten einander. Wir waren vom gleichen Geist.”

Merkt Ihr, wie wir darüber beinahe atemlos wurden? Birgit Haustedt mit ihrer warmen weichen Stimme hat die versöhnlicherer Passagen, meine sind aufgewühlter, peitschender. Vielleicht haben wir es unbewusst so verteilt.
“Aber so kann es nicht gehen. Drum laßt mich euch noch einmal Gutes nachsagen, damit nicht so geschieden wird. Damit nichts geschieden wird.”

Nun wieder die andere Birgit: “In euren schwerfälligen Körpern ist eure Zartheit zu loben. Etwas so besonders Zartes erscheint, wenn ihr einen Gefallen erweist, etwas Mildes tut. Viel zarter als alles Zarte von euren Frauen ist eure Zartheit, wenn ihr euer Wort gebt oder jemanden anhört und versteht.”

Aber im nächsten Moment reißt Ingeborg Bachmann das romantische Bild ein. Verlassen werden und gleichzeitig gehen, um sich wieder locken zu lassen, das ist ihr Kreislauf. Hans ist Hans, und Hans ist auch sie selbst, tief unter Wasser.

“Und nun geht einer oben und haßt Wasser und haßt Grün und versteht nicht, wird nie verstehen. Wie ich nie verstanden habe.
Beinahe verstummt, beinahe noch den Ruf hörend.
Komm. Nur einmal. Komm.”
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