Es ist kurz nach 5:00 Uhr. Die Sonne zeigt eine zarte Verfärbung am Himmel, mehr nicht, ein scheues Rosé und ein zerrissenes Dunkelblau der ausgehenden Nacht. Ich schlendere über den Friedhof am Meer und denke an Emily Dickinson (1830 – 1886). Sie lebte im Haus ihrer Eltern in Amhearst, Massachusetts, USA. Seit ihrem dreißigsten Lebensjahr verließ sie es nicht mehr, lief in weißen Gewändern und schrieb. Susanne Zingel erklärte vor ein paar Tagen ihren Konfirmanden, was ein Kloster ist: ein Haus, in dem man sich wohlfühlt, in dem man ein ganze Leben bleiben möchte. So etwas Ähnliches hatte eine der wichtigsten amerikanischen Schriftstellerinnen für sich gewählt.

“Ich wohne in der Möglichkeit.”
Ein Zitat von ihr, das die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit aufhebt. Dickinson verfasste knapp 1.800 Gedichte und unzählige Briefe. Um sich herum wob sie ein Netz von Kontakten und Beziehungen, die ihr ein Gegenüber schufen für das Schreiben, das der Vater, ein Kongressabgeordneter der Konservativen, ihr verboten hatte, obwohl er für die sorgfältige Bildung seiner beiden Töchter sorgte. Eine Poetin hielt er für unschicklich.

Erst füllte sie ihre Notizbüchern, dann schrieb sie wahllos auf Zetteln, auf Umschlägen, Quittungen, alles was ihr in die Finger kam. Sie hätte veröffentlichen können, es gab genügend Verbindungen. Aber dann wären die Verleger und Lektoren über sie hergefallen, hätten redigiert und umformuliert, was sie in der Schublade als ihre Wahrheit beschützen wollte.

Ihre Zeit sollte in der Zukunft liegen, so modern sind ihre Verse, knapp und frei, dreist in der Kombination der Wörter. Als wäre sie eine von uns!

Emily Dickinson ist für mich eine Entdeckung. Wie ich mich freue, ihre Verse vorzutragen, auf Englisch, um dem Klang ihrer Verdichtung nachzuspüren, 100 Jahre, bevor ich geboren wurde.
I’m Nobody! Who Are You? (1861)
I’m nobody! Who are you?
Are you nobody, too?
Then there’s a pair of us, don’t tell!
They’d advertise, you know.
How dreary to be somebody!
How public, like a frog
To tell one’s name the livelong day
To an admiring bog!

Eine Übersetzung ist immer nur eine Annäherung. Gunhild Kübler hat sämtliche Gedichte von Emily Dickinson ins Deutsche übertragen. Wichtig war ihr, die Melodie zu erhalten, dem Reim zu folgen. Ich lese vor, aber gleichzeitig bin ich im Widerstreit mit den gewählten Begriffen. Warum “Gespann”, wenn Emily von “pair” spricht? Nimmt man dem Original nicht den Duft der liebenden Verschwörung?

Ich bin ein Niemand? Wer bist du?
(Übersetzt von Gunhild Kübler)
Ich bin ein Niemand? Wer bist du?
Bist ein Niemand – auch du?
Dann sind wir beide ein Gespann.
Pst! – Daß man uns bloß nicht hören kann.
Wie elend ist es – jemand zu sein!
Wie elend – vor jedem Ohr –
Den eignen Namen rauszuschrein,
So wie ein Frosch im Moor!
Und überhaupt, warum das Fragezeichen hinter “Niemand”? Ich sinne weiter vor mich hin, mittlerweile schon zwischen den Dünen auf dem Weg zum Strand. Dickinson wollte ein “Niemand” sein, denn nur er/sie bietet die Freiheit des So-Seins. Zur gleichen Zeit nichts und ganz viel.


Es amüsiert mich, gerade dieses Gedicht auf der Insel der Eitelkeiten ausgewählt zu haben: Ich bin ein Niemand! Wer bist Du? – Wer Lust hat, probiert solch einen Gesprächsauftakt auf der nächsten Cocktail-Party und schaut, wohin es Euch führt. “Pst, They’d advertise, you know.” Sie werden flüstern und tuscheln, wer ist die da. Ein Niemand mit einem Geheimnis.

Wie “mühselig”, so hätte ich es übersetzt, statt “elend”, ständig von sich zu erzählen, was man macht, wer man ist. Es erschöpft sich. Mein Mann verbat sich solche Konversation. Emily Dickinson hätte ihm gefallen: “Are you nobody, t0o? // Then there is a pair of us, …”

-
KARO BLAZER, MULTI
€898,00 inkl. Mwst. -
KARO FALTEN ROCK, MULTI
€698,00 inkl. Mwst.




Das ist mein Lieblingsgedicht von Emily Dickinson:
I died for beauty, but was scarce
Adjusted in the tomb,
When one who died for truth was lain
In an adjoining room.
He questioned softly why I failed?
“For beauty,” I replied.”
And I for truth – the two are one;
We brethren are,” he said.
And so, as kinsmen met a-night,
We talked between the rooms,
Until the moss had reached our lips,
And covered up our names.
Liebe Grüße
Ute
Hätte ich fast gewählt. Dann habe ich mich in „Nobody“ verliebt.
Sehr geehrte Frau Gräfin von Tyszkiewicz,
nun habe ich voller Freude in Ihrem Blog so viel Schönes und Anregendes gelesen. Was für eine wunderbare Nach-Lese meiner Syltreise, die durch die Veranstaltungen Ihres Kultur-Sommers eine so schöne und unerwartete Ausrichtung bekommen hat.
Fürs Auge die herrlichen Stoffe Ihrer Kollektionen, für den Kopf die vielen geistigen Anregungen durch gemeinsame Abende und fürs Herz die Erfahrung echter Begegnung auf der Basis gleichen Denkens und Empfindens.
Ich las bei Ihnen über die Dichtungen von Marianne von Willemer im West Östlichen Divan – speziell über das Gedicht der Suleika “Was bedeutet die Bewegung”. Als Gesangsdozentin an der Folkwang Universität der Künste hatte ich das Glück, täglich mit jungen Studierenden Lieder einzustudieren, die solche großartige Lyrik vertonen. Sie kennen bestimmt das gleichnamige Schubert-Lied, das mit seiner aufwirbelnden Klavierbegleitung, der drängenden Ungeduld in der Melodieführung und dem atemberaubenden zur Ruhe kommenden Schlussteil über einem liegenden Orgelpunkt im Klavier, uns die Gefühle Suleikas mitempfinden lässt.
Nicht nur Schubert, auch Mendelssohn und Schumann haben dieser Frau ja zu Recht wunderbare Lieder gewidmet…Und wie schön, dass man nun auch endlich Frau von Willemer die gebotene Anerkennung zukommen lässt!
Mit sehr herzlichen Grüßen wieder aus der Heimat,
Barbara Pfeffer