-kiad-o-bi” ist Shipibo-Conibo, die Sprache des indigenen Volkes am Ucayali Fluss im Dschungel von Peru, und heißt so viel wie: Hand lernen oder in richtigem Deutsch: die Hand lernt etwas. Charakteristisch sind Wörter von einzelnen Körperteilen, die den Verben vorangestellt sind und somit eine besondere Sprachstruktur schaffen, die vielfältig deutbar ist.

Anne und ich übertragen das non-verbale Vokabular auf unsere kreative Arbeit und eignen uns mit der Hand die Zeichen und Symbole von Elfer Daniele Rengifo Silvano an, einem jungen Shipibo-Conibo Künstler, der die vorliegenden Stoffe bemalt hat.

Zwei komplette Bilder brauchen wir für die Blusen-Jacke. Konzentriert schiebt Anne die Schnittteile hin-und-her, damit die symbolhaften Abbildungen erhalten bleiben, samt der Erzählung und Energie, die von ihnen ausgeht. Mit der Hand lernen, -kiad-o-bi. 

Schlange und Puma, die mystischen Tiere des Urwaldes, kommen auf den Rücken. Die Frau, die die Blumen des Lebens in der Hand hält, gehört auf die Vorderseite neben das Labyrinth aus leuchtendem Blau und Ocker.

Zerschneiden, um das Puzzle neu zusammenzusetzen. Dazu gesellt sich der “Tropenwald” aus Meyer’s Konversationslexikon von 1895 als Futter am Unterkragen und entlang der Knopfleiste. Die Maschine schleicht behutsam Stich-für-Stich über die Materialien. Ein zeitaufwendiges Stückwerk.

Aufmerksam verfolge ich den Prozess, ein ideologischer und visueller Brückenschlag zwischen kolonialer Vergangenheit und indigenen Kultur des Amazonas. Seit dem 17. Jahrhundert versuchte man die Shipibo-Conibos zu missionieren, mit mäßigem Erfolg. Sie blieben ihren Göttern und einer animistisch Kosmologie treu.

Anne fertigt zuerst die vordere Leiste, dann näht sie die Schultern zusammen, es folgt der Kragen. Und erst zum Schluss fügt sie die Ärmel aus Pergament-Stoff hinzu, die wiederum Manschetten aus Daniels Bildern erhalten. Die Knöpfe sind aus Kokosmuss, produziert von einer Manufaktur im Schwarzwald. Schon verrückt.

Die Stunden vergehen, in denen ein Kunstobjekt sich in ein neues Kunstobjekt verwandelt. Zwischendurch recherchiere und schreibe ich, trage zusammen, was ich über die Sprache dieser indigenen Gesellschaft finde. Die Endsilben ihrer Wörter definieren die Zeit und den Ort, erzählen von Befindlichkeiten, passiert etwas absichtsvoll oder zufällig, ist es abgeschlossen oder andauernd.

Am Ende ist etwas ganz Eigenes entstanden, irgendwie freigeistig, in der gemeinsamen Sprache der Mode. Man könnte die Jacke überall tragen, im Dschungel, zur Vernissage, einfach aus Lust und Laune, sie scheint auf der Welt Zuhause. Ein Art Piece, das zu einer Spurensuche verleitet, hin zu einer alten Kultur und ihrer überraschenden Modernität.

Die Finger gleiten über die raue Oberfläche der Malerei und … lernen, die Zeichen zu fühlen. Genauso wie mein Bleistift mit jedem notierten Wort mehr versteht.