Die Oberfläche ist glatt und hoch ästhetisch, ein Digitaldruck einer digitalen Fotografie und einer Zeichnung auf Hahnemühle Fine Art Baryta Papier, 2-teilig, je 50 x 50 cm. Zu sehen sind ein ausgestopfter Kranich, zwei Vasen mit gepflückten Blumen, die verwelcken bzw. getrocknet sind, ein Falke auf einem Ast, ebenfalls ausgestopft, präzise angeordnet auf einem weißen Sockel. Daneben mit Bleistift gezeichnete Striche, in Reih-und-Glied, auch das ist eine Fotografien von dem Original, als muss sich eine neutraliesierende Instanz dazwischen schieben. Wie beginnen? Wir rätseln, erfinden erste spekulativen Kontexte, mit denen wir uns als Betrachter*in  annähern. Oder hören wir der Künstlerin Leonie Wahler zu, wie vor zwei Tagen Upstairs in meiner Wohn-Galerie am Johannes-Brahms-Platz 9 gegenüber der Laeiszhalle.

Die langen Titel ihrer Arbeiten führen in ihre künstlerische Gedankenwelt hinein: I. Die kluge Frau liebt weder, noch hasst sie. II. 12.10.2025 – 16.12.2025, 25.526 Wehworte, die nun zu schrägen Markierungen geworden sind. Sie berichtet von ihrer Trennung, die sie hiermit versuchte zu verarbeiten, von einsamen Spaziergängen und vielen, vielen geschrieben Seiten. Jedes Wort ein Strich, 25.526, die in sich die Trauerarbeit tragen. (Auflage 3/3, € 2.500)

I.
Ein Reiher, wie der, den ich jeden Tag sah,
tränenverschwommen an der Wasserkante.
Der Falke, der ich in seinem Traum war.
Überreste gepflückter, abgerissener, hastig gekaufter Blumen,
sorgfältig getrocknet und gepresst, umklammert, aufbewahrt, nur für den Fall.
Wiegen nicht schwerer als Gewalt.
Stillstand, kaschierte Einschusslöcher, lang tote Augen.
Relikte großer Gefühle aufgereiht.
Ich will sie nicht mehr kennen.

Wie konntest du mir das alles antun? Fragte ich ihn und bekam keine Antwort.
Wie konnte er uns das alles antun? Fragte ich sie und fand Klarheit.

II.
„Text I ist reaktiv, bewegt von Empörungen, Befürchtungen, inneren Entgegnungen, kleinen Paranoia, Abwehrhaltungen, Szenen.“
(Roland Barthes, Über mich Selbst, S. 47)

Text I kam, als es vorbei war.
Das ist Text II, Selbstzensur und Selbstschutz.
Jeder Strich verschleiert eine Erfahrung.
Jeder Strich beweist, dass es sie gegeben hat.

/////////////////////////

Als nächstes widmen wir uns dem Setzkasten und der dazugehörigen Edition: “vom (nie) wegehen – Prolog”, so der Titel, der in der Vita der Künstlerin verankert ist. 2000 in Fulda geboren, wuchs sie in einem Mehrgenerationenhaus auf, der Setzkasten der Großmutter hing an der Wand. Wer hatte nicht auch einen Satzkasten Zuhause, ein spießiges Relik aus der Kinderheit und Jugend. In dem Ausstellungsraum ist er zur Kunst geworden, wenn auch unverkäuflich, steht für eine Erinnerungskultur, für die einen mit Scham besetzt, für die andere mit Liebe und Zugehörigkeit.

Wie schön, das spontan Ana Peña Doig, die ehemaligen Botschafterin Perus, zu Gast ist. Leonie schildert die Hintergründe des Tripychons Erzähl mir von was ich sehe Was ich nicht sehe, Bleistiftzeichnung auf Zeichenpapier, Tapeziertisch lackiert, € 3.600.

Es geht um Unterdrückung und politische Verfolgung. In Interviews mit Zeitzeugen und deren Nachfahren hat sie Versatzstücke gesammelt. Lieder sind geblieben, Pflanzen, die auf den Plätzen des Gedenkens wachsen. Die linke Seite erzählt von Slowenien, die rechte von Peru. Anita spielt uns das Lied vor aus dem die Textzeile stammt. Was für ein intensives Erlebnis von sehen und hören, von Dingen, die uns fremd sind, die zu einer subtilen Kunst werden gegen das Vergessen.

Wir waren nicht viele an diesem Abend, aber vielleicht wurde es gerade deswegen so eindringlich und persönlich. Eine konzeptionelle Kunst, wie die hier gezeigte, braucht den ruhigen Raum und das zusätzliche Wissen, um sich einlassen zu können, wo die Oberfläche sich dem schnellen Zugriff verweigert.

Zum Schluss blieben noch die vier Künstlerinnen und diskutierten weiter, wie man es Zuhause macht, wenn noch etwas Wein und Brot da ist: Nele Budelmann, Maren Stocklöw, Leonie Wahler und Jessica Eggers.

Notiert Euch schon die Fortsetzung am Mittwoch, den 3.6.2026, um ca. 19:00 Uhr, wenn Leonie Wahler aus ihren Manuskripten lesen wird. Ich halte sie für ein außergewöhnliches Doppeltalent. (Voranmeldung unter info@romaetoska.de).

  • Angebot! PUFFARM BLUSE, SCHWARZ

    PUFFARM BLUSE, SCHWARZ

    Ursprünglicher Preis war: €398,00Aktueller Preis ist: €300,00. inkl. Mwst.
    Ausführung wählen Dieses Produkt weist mehrere Varianten auf. Die Optionen können auf der Produktseite gewählt werden
  • Angebot! MARLENE HOSE, AQUA

    MARLENE HOSE, AQUA

    Ursprünglicher Preis war: €598,00Aktueller Preis ist: €450,00. inkl. Mwst.
    Ausführung wählen Dieses Produkt weist mehrere Varianten auf. Die Optionen können auf der Produktseite gewählt werden