Ein Doppel-Event im Zeichen von Mode, Kunst und Peru – so intensiv, dass ich gestern noch nicht darüber schreiben konnte. Das Erlebte, das Gehörte wollte sortiert werden, absacken in die Tiefen des Sich-Erinnerns. Am vergangenen Sonntag Nachmittag trafen Ani Alvarez Calderon, ihr Freund Javier und ich uns, um UPSTAIRS in meinen Galerie-Räumen alles zu dekorieren: Mode leichtgängig, kreativ, ein Rausch der Farben, in dem sich ihre Haute Couture mit meinen Kollektionen verbindet. Am Montag dann die Vernissage mit engagierter Unterstützung der neuen Botschafterin von Peru, Sandra Pinto Le Feunte. Einen Tag später der IT’S A DIENSTAG mit Ani als meinem Talkgast, eine Sternstunde. Am liebsten möchte man ausrufen: langsam, langsam, der Reihe nach, aber das wird nicht gelingen.

Links: Sandra Pinto Le Feunte, Mitte: Ani Alvarez Calderon

Sie erzählt von den Anfängen, ihre Familie hatte so gar nichts mit Mode zu tun, da gab es die Pferde, den Pragmatismus des Alltags und ein Land, das erst einmal seine große Textile Tradition wiederentdecken musste. Als Kind liebte Ani das Sich-Verkleiden, Masken tragen und in andere Rollen schlüpfen.

Sie wusste schon damals, irgendwann wird sie schöne Kleider entwerfen und damit stolz Peru präsentieren. Ein Leben so zielstrebig visioniert, dass es mich als Vertreterin der Schlangenlinien verblüfft und beeindruckt.

Sie studierte Design an der renommierten Rhode Island School of Design in den USA, Abschluss mit Auszeichnung. Wir hätten uns begegnen können, nur dass ich ein paar Jahre früher dort Seminare zur Kunsttheorie und Architektur belegte. Station in New York, Zusammenarbeit mit Michael Kors, zurück nach Peru, wo sie sich einen Namen für Haute Couture machte und zu einer der führenden Designerinnen avancierte.

Aber das reichte ihr nicht. Sie wollte ihren Kinderheitstraum in seiner Ganzheit realisieren? Das kulturelle Erbe von Peru entdecken und der Welt zeigen, die Kunst der indigenen, alten Völker des Amazons entlang des Ucayali Flusses. Es galt als gefährlich, sie zu besuchen, vor allem, wenn es dunkel wird. Sie fuhr trotzdem hin und war fasziniert von den handwerklichen Fähigkeiten, der Energie ihrer non-verbalen Sprache, die die Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellt.

Sie begann die textilen Arbeiten der Shipibo-Conibo und der Iskonawa zu kaufen, um daraus ihre Mode zu entwickeln. Sorgsam zerschnitt sie die Panele und schuf eine neue gemeinsame Geste von zeitloser Schönheit. Es sind enge Kooperationen entstanden, die jenseits von Fashion-Trends fortbestehen.

Die Brücke war gebaut von den Ursprüngen der Kulturen des Dschungels in die internationale Gegenwart mit Kundinnen und Sammlerinnen  in den USA, in Großbritannien, Italien und nun auch in Deutschland.

Links Anke Wessendorf, Model von Yves Saint Laurent in Mexiko Ende der 1960er Jahre.

Während wir ihre mitgebrachten Stücke probieren, erklärt uns Ani die Symbolik der Formen und Motive, aufgeladen mit Geschichten und Träumen. Man kann nicht mehr von reiner “Kleidung” sprechen, obwohl es uns kleidet, es umhüllt uns mit dem kulturellen Selbstverständnis der Völker, die keine Trennung von Mensch und Natur kennen. Ich würde es als “seelenhaft” bezeichnen, beschützend, wie es die Leipziger Ausstellung im Grassy Museum formuliert: „The Soul of Objects“.

Und weiter zieht sich der Kreis zur soeben eröffneten Biennenale in Venedig, auf der Sara Flores, eine Shipibo-Conibo Künstlerin gerade Furore macht. Aber davon ein anderes Mal.

Genau da möchte ich Mode verorten, zwischen Kunst und den Ursprüngen, zwischen gestern, heute und einem nachhaltigen Morgen. Sie definiert uns, prägt, begleitet, verbindet, erfüllt uns mit Stolz und macht gleichzeitig unglaublich viel Spaß. Keine Ahnung, warum wir so lachen, aber es gehört dazu, genauso wie die Frauen lachen und sich Dinge erzählen, während die Stoffe enstehen.

Fabulous Ani, Du bist angekommen, wo Du hinwolltest. Ich helfe Dir, die Botschaft zu verbreiten, warum Mode für uns ein so wertvolles Kulturgut ist. Zitathaft übernehme ich die Heritage des Peruanischen Tropenwaldes in mein kreatives Schaffen. Auch davon mehr in den nächsten Tagen.

Wir umarmen uns und versprechen uns ganz fest ein baldiges Wiedersehen im Sommer auf Sylt (ja, ja, richtig gelesen: im Sommer auf Sylt!), Bis dahin sind einige Unikate bei uns geblieben in der Poolstrasse 30 in Hamburg. Freue mich auf Euren Besuch.