Wer möchte schon allwissend sein? Ich nicht, finde es viel zu anstrengend, genieße es vielmehr, wenn andere etwas erzählen, was ich nicht weiß, wenn die Tochter der Mutter erklärt. Es ist ein Genuss auf Augenhöhe, eine erfrischende Bereicherung meiner Gedanken samt dazugehörigem jungen Vokabular. Am vergangenen Dienstag war es Roma, die uns die Wette des Blaise Pascal (1623 – 1662) vorstellte, um von dort aus einen kühnen Bogen zum amerikanischen Pragmatismus seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu schlagen.

Pascal war Mathematiker, Naturwissenschaftler, Erfinder und gleichzeitig streng gläubig, hineingeboren in eine Epoche, die “Mythos” und “Logos”, Glaube und Verstand, erstmals voneinander trennte. Ein Zweifel an den überkommenen Weltbildern machte sich breit. Nur ein paar Jahrzehnte zuvor hatte Kopernikus die Erde als Kugel beschrieben, die um die Sonne kreist, war Giordano Bruno für seine revolutionären Ideen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Galieo Galilei hatte offiziell abgeschworen, und flüsterte doch leise, dass die Erde sich dreht. Souverän führt Roma uns durch diese turbulenten Zeiten, in denen die geistige Elite sukzessive das Universum neu erfand.

René Decartes, kaum älter als Pacal, hatte sich durch die Realität(en) dekliniert, bis er herausfand, dass nichts gewiss sei außer unser Bewusstsein, mit dem wir unsere Umwelt wahrnehmen: “Cogito ergo sum”, “ich denke, also bin ich”. Trotzdem blieb für ihn die Existenz Gottes der Ursprung von allem.

Kommen wir zur Pascalschen Wette: 1. Man glaubt an Gott, und Gott existiert. – Volltreffer, zur Belohnung geht’s in den Himmel. 2. Man glaubt an die Existenz Gottes, aber es gibt ihn nicht. Pech, aber nichts wäre verloren. 3. Man glaubt nicht an Gott, und es gibt ihn nicht. Ähnlich wie (2). 4. Man glaubt nicht an Gott, aber es gibt ihn! In diesem Fall, großer Fehler, droht die Hölle.

Die pragmatische Antwort ist 1: Jackpot. “Wenn ihr gewinnt, gewinnt Ihr alles, und wenn Ihr verliert so verliert Ihr nichts.” (Pascal) Nach einigem Hin-und-Her, ob getrickst wird oder nicht, ob sich Glaube und Belohnung mit zu großem Kalkül verbinden, haben wir den Inhalt in unserer Runde verstanden. Fehlt noch der Brückenschlag in die Neuzeit zu den US-Amerikanern Charles Sanders Peirce (1839 – 1914) und William James (1842 – 1910), einem der Begründer der modernen Psychologie.

Man kann nicht nicht-glauben.

Positiv formuliert: Jeder (!) glaubt, auch wenn der Glaube als Negation gelebt wird. Längst geht es nicht mehr nur um den göttlichen Glauben, sondern umfasst sämtliche Belange und Bereiche des täglichen Lebens. “The Will to Believe” (1899), wie William James sein berühmtes Buch betitelte.

Kein leichtes Unterfangen, wie die Diskussion zeigt. Wir sind einer permanenten mittlerweile von künstlicher Intelligenz gesteuerten Manipulation ausgesetzt. Was ist wahr, was bedeutet Wahrheit und wo überlasse ich das Nicht-Erklärbare einer höheren Instanz?

Pascals Wette hat an seiner Brisanz nichts verloren, ebenso William James und seine Studien zum Glauben und (!) zur Lüge. Vielleicht doch ein Doktorarbeitsthema für Roma? Erst einmal kocht sie sich durch den Sommer hoch im Norden, dort wo die Sonne nicht untergeht.