So kann man auch einen Sonntag verbringen, versunken zwischen alten Büchern, Folianten und Autographen, die heute ab 17:00 Uhr im Auktionshaus Ketterer nur wenige Minuten von uns entfernt zum Verkauf anstehen. Niemand ist in dem großen Raum mit den gefüllten Regalen, die die Jahrhunderte atmen. Bonnie liegt entspannt auf dem Teppich neben mir. Auf dem Tisch stapelt sich meine Auswahl, das älteste Buch von 1508, das jüngste aus den 1920er Jahren.

René Primavère Lesson. Histoire naturelle des colibris. 2 Bände mit 132 colorierten Bildern, gedruckt 1830 – 1833 in Paris. Sie waren der Grund, warum ich hergekommen bin. Was für ein visuelles Erlebnis. Zunächst ist da die Innenseite des Covers in diesem leuchtend Grün-gelb, das zu meiner Bluse passt. Die beiden Mitarbeiterinnen lächeln, sie wissen, dass ich Mode mache und einen Blog schreibe. Also darf ich fotografieren und auch mal außerhalb des normalen bibliophilen Vokabulars kommentieren.

Vorsichtig blättere ich Seite für Seite, beeindruckend die Qualität der Abbildungen, diese Präzision im Detail, die Brillanz der Farbgebung als wäre es handkoloriert. Schätzpreis € 1.800 für dieses Kompendium der “Fliegenden Edelsteine“.

Die nächsten zwei Bücher führen weiter zurück in die Vergangenheit. Georg Wolfgang Knorr, Amsterdam 1770 – 1775 mit der Enzyklopädie der Muscheln. Einzigartig die farbigen Kupferstiche, die künstlerische Wiedergabe nach der Natur. Das Blättern und Staunen wird eins.

Dann die vier Bände von Carl von Linné, Nürnberg 1777 – 1779. Mich interessieren vor allem die im hinteren Teil sorgsam gefalteten Abbildungen der schwarz-weiß Radierungen von Mineralien und Muschel mit Strukturen, die mich an die indigenen Stoffe und die abstrakte Kunst erinnern. Aufregend, solche Kompendien in der Hand zu halten und vor sich auszubreiten. Startpreis € 5.000.

Vergleicht man es mit so vielen kurzlebigen Luxusgütern, so ist das nicht viel. Hätte ich Geld, würde ich auch hierauf bieten. Es verbinden sich Wissenschaft und Buchkunst zu einer ganz eigenen Inspirationsquelle.

Unmerklich verstreichen die Stunden. Ich lass mir das handkolorierte Exemplar der berühmten Tier-Enzyclopädie von Conrad Gesner bringen von 1563. Thierbuch. Vogelbuch. Fischbuch. Es war das maßgebliche zoologisches Nachschlagewerk bis ins 18. Jahrhundert, so der Katalogtext. Schätzpreis € 14.000.

Nun weiß ich auch, warum es heißt: “ein Buch aufschlagen”, denn man muss mit der Faust auf den Deckel hauen, damit sich die Scharniere öffnen. Die wundersamen Tierwesen, die sich auf den Seiten tummeln, sind mal naturalistisch dargestellt, mal fantastisch verfremdet. Es regt an zum Erfinden von Geschichten, von Abenteuern, gefährlichen Monstern und exotischen Reisen. Auch so ein Schatz, den ich gerne hätte.

Das “Wikipedia der Renaissance” steht als Überschrift  für die älteste gedruckte philosophische Enzyklopädie von 1508. Ein kleines handliches Buch, in dem die Erde schon rund ist und keine Scheibe mehr. Ich muss an meine Kopernikus Kollektion denken.

Am Ende halte ich noch die Erstausgabe von James Joyce Ulysses in den Händen von 1922 und träume mich durch Else Lasker-Schülers eigenhändig kolorierten und signierten Gedichtband “Theben”. “Das Meisterwerk, eine vollkommen geschlossene Einheit von Wort und Bild.” Schätzpreis € 8.000.

Ich fühle mich wie auf einem Kurztrip durch die Zeit, von der Renaissance und den Beginn der Aufklärung bis in die expressionistische Neuzeit. Dass draußen die Sonne scheint, habe ich gar nicht mitbekommen. Nun aber geschwind, denn in einer Stunde beginnt die Auktion. Vielleicht möchte jemand ja bieten: Ketterer Wertvolle Bücher. Holsteinwall 5, zwei Minuten von uns entfernt. Tel. 040-37 49 61-0.