Goethe war Mitte 60, Marianne von Willemer gerade mal halb so alt, als sie sich 1814/15 in Frankfurt kennenlernten. Er der Dichterfürst, sie das uneheliche Kind, Sängerin, Schauspielerin, verkauft für 2000 Gulden an den reichen Bankier Johann Jakob Willemer, der für ihre Erziehung und Bildung sorgte und sie schließlich heiratete. Eine Vernunft-Ehe, zumindest von ihrer Seite. Umso mehr verliebte sie sich in den alternden Goethe, und er in sie. Es entstand ein reger Briefwechsel, der in sein Spätwerk einging, den “West-östlichen Divan”, erschienen 1819.

Das arabische Wort “Diwan” heißt “Sammlung” oder auch “Schreiben”. Insgesamt entstanden 12 Bände, inspiriert von dem persischen Dichters Hafis. Das Buch „Suleika“ daraus enthält eines der schönsten Liebesgedichte deutscher Sprache. Es ist jedoch nicht von Goethe, sondern von ebendieser hochbegabten jungen Frau, Marianne von Willemer (1774 – 1860).

Wir sind nur zu dritt in der kleinen Kapelle auf dem Friedhof am Meer. Kurz nach Mitternacht hatten die Spanier verdient in New York die Fussball WM gewonnen. Viele hatten erst spät das Licht ausgeknipst und keinen Wecker für 5:00 Uhr gestellt. Wind und Regen taten das Übrige, um sich noch einmal genussvoll im Bett umzudrehen.

Aber dann riss plötzlich die Wolkendecke auf und zeigte Fetzen von blauem Himmel. Wie schön, wie innig. So stand ich bei geöffneter Tür und Kerzen im Raum vor den beiden Frauen, die konzentriert und hingerissen den Worten lauschten, die von Begegnung und Abschied erzählen, die Liebe und Erotik in ein sehnsuchtsvolles Schwärmen einhüllen.

Als ich meinen Mann vor vielen, viele Jahren kennenlernte, schrieb ich ihm dieses Gedicht in einem Brief, verliebt in den Wind, der aus dem Osten kam.

Marianne von Willemer (1784 – 1860), Johann Wolfang von Goethe (1749 – 1832)

Aus dem Buch „Suleika“, West-Östlicher Divan, 1815/1819

Was bedeutet die Bewegung (Ostwind)

Was bedeutet die Bewegung?

Bringt der Ost mir frohe Kunde?

Seiner Schwingen frische Regung

Kühlt des Herzens tiefe Wunde.

 

Kosend spielt er mit dem Staube,

Jagt ihn auf in leichten Wölkchen,

Treibt zur sichern Rebenlaube

Der Insecten frohes Völkchen.

 

Lindert sanft der Sonne Glühen,

Kühlt auch mir die heißen Wangen,

Küßt die Reben noch im Fliehen,

Die auf Feld und Hügel prangen.

 

Und mir bringt sein leises Flüstern

Von dem Freunde tausend Grüße;

Eh noch diese Hügel düstern

Grüßen mich wohl tausend Küsse.

 

Und so kannst du weiter ziehen!

Diene Freunden und Betrübten.

Dort wo hohe Mauern glühen,

Dort find’ ich bald den Vielgeliebten.

 

Ach, die wahre Herzenskunde,

Liebeshauch, erfrischtes Leben

Wird mir nur aus seinem Munde,

Kann mir nur sein Athem geben.