Die Kartons sind aufgelöst, die letzten stehen gestapelt in der Küche, Tür zu. Die Räume strahlen eine belebte Leere aus: Nele Budelmanns Arbeiten im Flur “maria, kleingeschrieben ist ein Tu-Wort”. Ich liebe es, an ihnen entlang zu schlendern. Ihr Bild-Objekt-Überwurf im Schlafzimmer. Der große Chandelier in der Rotunde hat neue Glühbirnen, leuchtet warm und einladend. Kazuko Okano im Esszimmer, Rolf Rose und Toskas Arbeiten in meinem Schreibraum. Aber das Spektakel von “Wednesday upstairs” an diesem Abend ist die erste Schau im neuen Kontor für junge Kunst mit der Südkoreanerin Nanhee Kim.

Wieviele stehen auf meiner Gästeliste? Fünfzig. Es sollten mehr werden, die tapfer die Stufen in den 4. Stock erklimmen. Schnell füllen sich die Räume, stehen Grüppchen beisammen im Gespräch. Die Kunst steht im Mittelpunkt in Räumen, die Privates mit Öffentlichem verbinden. Und wo schlaft Ihr, wo lebt Ihr? Mittendrin. Living with Art.

Wie ich es genieße, die Generationen verbinden sich, junge Künstler*innen, Freunde, Weggefährtinnen wie Biggi, die extra aus Köln angereist ist. Eric von Sylt. Wir alle scheinen uns gemeinsam zu freuen, dass es bis hierhin gelungen ist. Feiern wir den Auftakt mit einem starken ersten Auftritt und quetschen uns allesamt in den großen Ausstellungs-Raum, der plötzlich zu schrumpfen droht. “Es lebe die Malerei”, wie es einst Matisse an Pierre Bonnard schrieb.

Karen Michels und ich hatten uns abgesprochen, mit einem kurzen Gespräch über den Blick von außen auf die Kunst zu starten. “Kunstgeschichte bedeutet beschreiben lernen“, beginnt sie ihre Einführung. Und ich füge hinzu: sehen lernen.

Lassen wir uns ein, was wir alles entdecken: Scheinbar eine Alltagsszene im Badezimmer, die Rückenfigur (man erinnere sich an Caspar David Friedrich) führt uns in das Bild, eine Frau mit der Zahnpflege beschäftigt. Malerische Details rundherum, rechts eine Steckdose, Handtücher, ein Fön im Anschnitt, links die Zahnbürste mit Zahnpasta. Unweigerlich fällt der Blick auf das Waschbecken mit den herausgerissenen Haaren statt Zahnseide.

Die Geschichte beginnt … Und Karen hat nun die richtige Erzähltemperatur erhalten, enthusiastisch wie immer, wenn sie sich auf die Kunst einlässt. Verstörend, irritierend, die Dinge fügen sich nicht so zusammen, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Surrealistische Anklänge im großen Gemälde “Please, Knock?”. Warum bloß das Fragezeichen, die Füße, die das Haus sprengen? Wir sind mitten in Rätseln, die anspruchsvolle Kunst in ihrer eigenen Sprache aufgibt.

Das kleine Bild auf der Fensterseite fesselt ganz besonders das Interesse aller. “Boredum”, Langeweile. Hingerissen verweist Karen auf die Spiegelungen auf dem Ei und dem Becher. Das Ornament wird genauso wichtig wie die Person im Hintergrund. Auch das kennen wir seit dem Impressionsmus. Dann die verächtliche Geste: die ausgedrückten Zigarette in dem Ei. Ein Tabu-Bruch!

So könte es endlos weitergehen. Ich beobachte die Zuhörer*innen, wie sie gedrängt um uns sitzen und neugierig lauschen. Der Künstler als ein “Seismograph unserer Gesellschaft”, wie es Abi Warburg einst sagte und Karen zum Abschluss zitiert.

Ich übernehme das Gespräch mit Nanhee Kim, nun dreht es sich um die Innenschau. Sie wollte immer schon Künstlerin werden, “unfortunately”, sagt sie lachend. Die meisten Lebensoptionen wären einfacher gewesen. Ihr Studium begann sie in Südkorea, ging dann nach Den Haag an die Akademie und weiter an die Hochschule für bildende Künste in Hamburg als Schülerin von Anselm Reyle. Mitten in Corona, Abschluss 2022. Erste internationale Ausstellungen folgten.

Reyle hat sie gelassen, ihr die Freiheit eingeräumt, ihre inneren Bilder zu malen mit dieser jungen verblüffenden Meisterschaft. Es ist ihr Gesicht in den Arbeiten. Warum ein anderes nehmen, sie wird zur Stellvertreterin. Und ja, diese Welt steht nicht zum Besten. “It is a f* world we are living in”, antwortet sie auf meine Frage nach dem Künstler als “Seismorgraph”. Innerlich erschüttert es mich, weil es aus dem Mund der nächsten Generation kommt. Nicht so einfach, diese Malerei auszuhalten, aber das macht echte Kunst aus, sie ist unbequem. Ein großes Potential, das in Nanhee Kim steckt, wie eine Betrachterin später kommentiert.

Wir umarmen uns. Begeisterter Applaus auch für Karen. Die Doppelung des Gespräches als Konzept ist aufgegangen, die Brücke ist gebaut.

Auch für den Rest des Abends bleibt die Kunst im Mittelpunkt, verweilen die Gäste vor den Bildern und reden über Malerei und eine Ikonographie, die Fragen aufgibt, so wie im echten Leben.

Die letzten gehen, als die Kerzen fast runtergebrannt sind. Ein gelungener Start im Kontor für junge Kunst. Die Ausstellung wird die nächsten Wochen bis nach Ostern hängen bleiben. Preise auf Anfrage. Für die nächsten kleineren begleitenden Events wird es separate Einladungen geben.