Gestern telefonierte ich mit der Schriftstellerin Birgit Haustedt, um mich mit ihr zu unserem kommenden Dienstag “Im Alten Land” thematisch abzustimmen. Sie werde den historischen Part übernehmen, sagte sie und ergänzte: Du wirst dann sicherlich erzählen, warum Du die Äpfel und die alten Sorten als Motiv für Deine Kollektion gewählt hast. Ich nickte, was sie durch das Handy nicht sehen konnte, und blieb für eine Sekunde stumm. “Ja, sicher!” – Aber warum habe ich sie gewählt, fragte ich mich überrascht. Es war eine intuitive Wahl, motiviert durch die Farben, die Formen, die Namen darunter “Prinzenapfel”, “Goldgulderling”, “Renette von Kanada”, die mir allerdings nichts mehr sagten. Zeit für eine assoziative Reise in das Reich der Äpfel.

Der Apfel ist verbunden mit meiner Kindheit, Apfelmus, wenn ich krank war, Äpfelpflücken oder die Heruntergefallenen aus dem Gras sammeln. Jederzeit kann ich den Biß in einen Apfel in meiner Erinnerung abrufen. Diese saftig-sauer-süße Flüssigkeit, die den Mund anfüllt und manchmal seitlich herausspritzen will. Ein Lustgefühl, ein diebischer Spaß. Und gleichzeitig empfinde ich heute so oft eine tiefe Enttäuschung, wenn Äpfel nicht mehr nach Äpfeln schmecken.

Als Kind und Jugendliche segelte ich auf der Elbe, übernachteten wir in den Häfen im Alten Land. Das Grün der Deiche und die Apfelblüten. Am Apfel riechen ist genauso schön, wie der Duft von frisch gemähtem Gras im Frühling. Seine Oberfläche sorgfältig untersuchen, ob nicht ein Wurm drin ist. Mit der Hand über seine runden Formen streichen, die Dellen und Unebenheiten fühlen.

Äpfel besitzen etwas Ursprüngliches. Adam und Eva. Der Reichsapfel. Das Urteil des Paris, der Aphrodite den Apfel reicht für das Versprechen der Schönheit. Der Zankapfel. Jean de La Fontaine und die Fabel der “Zwietracht”. Schneewittchen. Der Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Roma und ich sprachen über John Locke und den Apfelbaum. In erinnere Abraham Lincoln und seine Liebe für Äpfel. Warum nennt man New York auch “Big Apple”? Wegen der berühmten Pferderennen: Big Money für die Gewinner und “Big Apple” für die Pferde. Die Jazzclubs der 1930er Jahre machten den Begriff berühmt. Ein Apfel ziert mein Handy und das MacBook, auf dem ich gerade schreibe.

Ich weiß noch genau, wie ich als Teenager versuchte, den Apfel so zu schälen, das seine Schale in einer Spirale herunterhängt ohne abzureißen, so wie Annie Reed (Meg Ryan) in “Schlaflos in Seattle”. Einen Apfel betrachten, heißt sehen und beschreiben lernen, differenzieren. Kein Apfel gleicht dem anderen. Im Althochdeutschen heißt er “apful” oder “afful” und in Plural “epfili” (klingt niedlich). Der Apfel gehört zur Familie der Rosengewächse.

Es dauert nicht lange, und ich bin beim Apfel in der Kunst. Das niederländische Stillleben. Die Impressionisten. Rénoir, Monet, Manet, Cézanne. Die Vergrößerung auf der Seide lässt mich an die Colorfield Malerei eines Mark Rothko denken. Der Surrealismus. René Magritte und der Apfel. Der Geschichte nach, soll der belgische Künstler vor der leeren Leinwand gestanden haben, malen konnte er, aber er wusste nicht was. Da lag auf der Fensterbank ein Apfel, und von ihm aus ging die Traumreise zu den Hüten, den Wolken und den Ausblicken in eine andere Realität.

Ich brauche nur ein Zimmer weiter zu gehen, da hängt das große Bild von Nanhee Kim, “Appetite”, 2024, mit dem Apfel im Schoß der Frau und dem kleinen Apfel im Gras. Auch hier sind sie virtuos gemalt, irritierend und verstörend. Eine andere Wirklichkeit wird neu zusammengesetzt.

Nun könnt Ihr weitermachen … Euch auf die eigene Reise in das Reich der Äpfel begeben. Meine Zutaten kennt Ihr, Dienstag gibt es den Salon dazu und heute schon als Geschenk mit jeder Bestellung (ab € 200) das Buch von Birgit Haustedt “Im Alten Land”. Einen schönen Sonntag!