Wenn ein Apfel sprechen könnte, wie würde seine Geschichte lauten? Er würde vom Alten Land erzählen, wie es im Mittelalter entstand, als Ebbe und Flut durch die neuen Deiche zurückgedrängt wurden. Von den saftigen Böden und den freien Bauern, von Reichtum, von Sturmfluten, Pflichten und dem alltäglichen Mühlsal. Meine Talk-Gäste an dem vergangenen Dienstag sind die Schriftstellerin Birgit Haustedt, die ein Buch über das Alte Land geschrieben hat (Insel-Bücherei), sowie die Apfelbäuerin Heike zum Felde und ihr Bruder Claus Blohm. Ihre Familie taucht erstmal im frühen 17. Jahrhundert in den Kirchenbüchern auf, aber wahrscheinlich geht sie noch viel weiter zurück. Es ist Claus, der mir das Stichwort für diese ungewöhnliche Einleitung gibt:

Das Leben aus der Perspektive des Apfels: Der Apfel würde sich wünschen zu reifen und saftig zu werden, wie es ihm gefällt. Seine kleinen dunklen Stellen und Verformungen gehören zu ihm, wie bei uns die Sommersprossen im Gesicht oder das Muttermahl, wie ein kleine Höcker auf der Nase oder die Falte auf der Stirn. Mit Stolz würde er seinen Charakter zeigen, wie er es genießt, wenn man ihm sanft über seine Haut streicht und an ihm schnuppert. Er würde sich heftig beklagen, wie man ihn in enge Kisten legt, schüttelt und lieblos auf den Verkaufsstand im Supermarkt wirft, von den Kunden befühlt und gedrückt. Und dann muss er sich auch noch die abfälligen Bemerkungen anhören, ob er (noch) schön genug wäre, warum seine Oberfläche nicht makelloser. (…) – So ein Buch würde Claus gern schreiben.

Als Öko-Bauer muss man das Ganze sehen, wie alles miteinander verknüpft ist. Es gilt überliefertes Wissen anzuwenden und weiterzutragen. Selbst die Schädlinge sind wichtig, denn sie sind die Nahrung der Vögel. Vorsichtig wird gesprüht, nachts, wenn die Bienen nicht fliegen, wenn es nicht regnet, es draußen möglichst windstill ist. Wie eine Crème soll der Schutz auf der Haut bleiben, nicht tiefer eindringen, nicht zu schnell von den Wassertropfen weggewischt werden. Das alles ist harte Arbeit, verlangt eine Sorgfalt, die der Markt nicht honoriert. Ich fühle mich erinnert an Rachel Carsen und ihr revolutionäres Buch “Silent Spring”. Wenn man an nur einer Schraube dreht im Ökosystem, ändert sich alles. Wir sprechen über die Klimaveränderungen. Aber wir sprechen auch von Ritualen, wie die Großmutter abends den Apfel zerteilte für die Kinder.

Die jährlich schrumpfende Zahl von Öko-Bauern im einst so stolzen Alten Land hat es nicht einfach. Deutlich spürt man die Müdigkeit und Frustration von Claus Blohm. Und gleichzeitig lodert im Inneren eine Flamme, dass es sich zu kämpfen lohnt. 2019 verklagte er zusammen mit Greenpeace die Bundesregierung, weil sie ihre Klimaziele nicht einhält. Der Saal schien zu bersten als er sein Plädoyer vortrug. Er ist auf die Welt gekommen, um sie zu erhalten und nicht, um sie zu erstören. Ein Satz, den wir uns merken sollten.

Unsere Dienstagsrunde hört lebhaft zu. Wie können wir helfen, unser Netzwerk ausbreiten, damit Nachhaltigkeit und Tradition ihren Weg in die digitale Zukunft finden? Es wird intensiv, überall ist die Anteilnahme zu sehen. Die Jungen sind gefragt und übernehmen diese Verantwortung.

Das Alte Land ist nicht Welt-Kulturerbe geworden, der Antrag wurde abgelehnt, dabei hat es so viel zu bieten von seiner Historie, der Architektur mit den Fassaden, Türen, Giebel. “Zwei Materialien, Holz und Backstein, zwei Farben, Weiß und Rot: Das sind im Wesentlichen die Gestaltungselemente der Fachwerkfassaden im Alten Land, selten kommen andere Farben dazu. Doch was für ein Variantenreichentum … “, schreibt Birgit Haustedt.

Heike und Claus haben uns und Euch eingeladen, sie zu besuchen, damit wir von ihnen aus erster Hand erfahren, was es bedeutet, Öko-Obstbauer*in zu sein. Ich glaube, wir alle haben an diesem Abend den Eindruck, dass sich neue Allianzen finden werden und erste Bande für Freundschaften knüpfen. Für mich ist es die schönste Umsetzung des Salon-Gedankens.

Birgit endet mit einem kleinen Auszug aus ihrem Kapitel “Brauttüren und Prunkpforten”, die keine Griffe besitzen, die sich nur dreimal in einem Leben öffnen: wenn die Braut über die Schwelle getragen wird, wenn Katastrophen drohen und wenn die Toten im Sarg herausgetragen werden. “Eine Tür mit (fast) symbolischer Bedeutung.” Es geht um ein vielfältiges gelebtes Kulturgut, um Menschen, die sich mit all dem, was sie ausmacht, für dessen Erhalt dieser Landschaft einsetzen. Der Kreis schließt sich zu Encyclopedia, den alten Apfelsorten und wofür ich stehe mit meiner Mode.

Nicht aufgeben Ihr Altländer hinterm Deich. Wir lernen von Euch, was Schmecken bedeutet, dass Wertschätzen seinen Preis hat und was es heißt, im Kreislauf mit der Natur zu leben. Versprochen, wir besuchen Euch und trinken Euren köstlichen roten Apfelsaft.

Danke Birgit Haustedt, die mit fundiertem Wissen half, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Und Dank an Heike zum Felde (Kontakt: www.obsthof-zum-felde.de) aus Jork und Claus Bohm (Kontakt: 0179-3261030) aus Guderhandviertel im Alten Land. Was für ein besonderer Abend!