Groß, kräftig mit weißen Haaren, die sich wahrscheinlich schon seit Teenager-Zeiten ähnlich um das Gesicht lockten, nur damals waren sie blond. Die blauen aufmerksamen Augen in dem sonst beinahe faltenlosen Gesicht und das kluge, abwägende Lächeln mit den eigenen Gedanken, die sich diskret dahinter verbergen, gemeint ist Susanne Buch, die gebürtige Warnemünderin, aufgewachsen in der DDR, seit vielen Jahren international als Expertin für Textil-Restauration unterwegs, mein Talkgast am vergangenen Dienstag. Eines kann ich jetzt schon vorwegnehmen: wir hingen an ihren Lippen, konnten gar nicht aufhören, ihr zuzuhören wie sich ihr privates Leben mit dem beruflichen verknüpfte. Meine kurze Vorstellung unterbrach sie freundlich: “Wollen wir früher beginnen?”– Ich nickte und überließ ihr die Erzählung: die Frau, die aus dem Osten kommt und blieb. Eine faszinierende Geschichte …

An dem Abend trägt sie ein Kleid, dessen Stoff ihre Abschluss-Arbeit als Handtextil-Lehrling war, da war sie 16 Jahre alt. Trotz Bestnoten in der Schule wurde sie nicht zum Abitur zugelassen. Ihre Familie war nicht linientreu. 1959 hatten sie versucht, mit dem Schiff abzuhauen, in den Westen zu segeln. Die Koffer trugen sie quer durch die Stadt, die Mutter, die bei der Bauhaus Weberin Gunta Stölzl ihren Meister gemacht hatte, wollte nicht ohne ihren Webstuhl fliehen. Das musste selbst dem blindesten Stasi-Typen auffallen. Der Vater kam für zwei Jahre ins Gefängnis. Man blieb. Susanne ging bei ihrer Mutter in die Lehre, machte später das Abi nach, wurde an der Kunstschule Weißensee wieder aus politischen Gründen abgelehnt und studierte im Erzgebirge angewandete Kunst.

Dazwischen durfte sie für einen 60. Geburtstag zum Onkel in den Westen reisen. Timmendorf, Frankfurt am Main, Besuche bei der Familie im anderen Teil Deutschlands. Sie hätte einfach bleiben können, aber sie kehrte zurück. Nicht noch mehr Einschränkungen für die Eltern und Brüder, und irgendwie war’s auch gut im Osten. Sie war erfolgreich, dort stand ihr Webstuhl.

Dann kam die Wende, die alles auf den Kopf stellte. Die Aufträge gingen zurück. Sie war 26 und die Welt öffnete sich: Eine Ausbildung als Textilrestauratorin in Florenz lockte. Die finanzielle Unterstützung aus dem Westen reichte jedoch nur für die Hälfte der Zeit. Also büffelte sie, um gleich ins Masterprogramm zu kommen, lernte Italienisch. Das klingt heute alles so leicht und selbstverständlich, aber erst einmal in Ostdeutschland einen Sprachlehrer finden. Irgendwie ging plötzlich alles, und sie fand sich wieder zwischen Gobelins und den Schätzen der Renaissance.


Anschließend fand sie sofort einen Job am Deutschen Historischen Museum Berlin, es folgte die Vertretung im Filmmuseum, verantwortlich für den Nachlass von Marlene Dietrich. Sie zeigt uns ihre detaillierten Berichte, die für jede Restaurierung angelegt werden, erzählt, wie die große Diva selbst ihre Garderobe reparierte, dass Filmkostüme meist nur hübsch von vorne aussahen und von hinter zusammengeschustert sind, Pailletten aus Gelantine. Wie sie es schildert, ist so bilderreich, als würde man ihr nicht nur bei der Arbeit zuschauen, sondern auch Marlene mit Nadel und Faden dasitzen sehen.

Die Vielzahl der Museen in der Hauptstadt ermöglichte auch eine Vielzahl an verschiedensten Aufträgen, Kostüme aus dem 18. Jahrhundert, einst gefertigt für Äffchen und Zwergenmenschen am Hof, frühgeschichtliche Totengewänder, präkolumianische Mumiensäcke, historische Fahnen … Jedes Mal bedeutet es ausgiebige Recherchen, Teamarbeit mit Archäolog*innen und Restaurator*innen, um das textile Puzzle zusammenzusetzen.

Es erfordert Kenntnisse und Geduld, ein Handwerkszeug, das den Aufgaben angepasst ist. Die Nähgarne sind meist dünn wie Haar, die Nadeln stammen aus dem medizinischen Bereich. Hunderte von Gläsern und Töpfen mit Farbpigmenten, Mikroskope und Vergrößerungsbrillen. Zum Glück sind die Augen noch gut. Die restauratorische Arbeit bedeutet, den ursprünglichen Schöpfungsprozess nachzubilden und darüber neue Erkenntnisse über eine kulturelle Identität zu gewinnen.

Was ist ihr Ansatz, möchte ich wissen, ergänzt sie die Stoffe und Kleidungsstücke bis sie vollständig und beinahe unbeschädigt aussehen oder bleiben Leerstellen? Wird die Restauration sichtbar thematisiert? – Es wird komplettiert, variiert aber von Museum zu Museum, antwortet sie, die ergänzten Teile sind jedoch so gefertigt, dass sie jederzeit wieder herausgenommen werden können. Man weiß ja nicht, wie es die Wissenschaft in zukünftigen Jahrzehnten betrachtet. Früher verklebte man beispielsweise einfach alles und zerstörte damit Strukturen für immer.

Was für ein wundervoller Abend. Danke Susanne! Von mir bekommt sie das Seidentuch mit dem Tropenwald geschenkt. Das hält hoffentlich die nächsten Jahre, ohne restauriert zu werden. Und dann sitzen wir noch bis spät zu dritt oben auf dem Balkon und tauschen Anekdoten aus, ohne Gram, ohne Anschuldigungen, aber mit der Vitalität, die so vieles möglich gemacht hat. Wer spricht von Hochmut, wenn die Träume hochfliegen.

Ein Leben im Osten, ein Leben im Westen. In wie vielem wir uns ähneln in unserer Begeisterungsfähigkeit, in den Schlangenlinien, die eine Existenz ausmachen. Zwischen uns Sabine Weichel-Kickert, die Kunsthistorikerin und Ausstellungsmacherin. Die Beiden sind seit Studienzeiten befreundet. Auch sie kann ihre turbulenten Ost- und Westgeschichten beitragen.
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