Den gesterigen Abend lebhaft im Kopf, überlege ich ein wenig fröstelnd auf dem Balkon, blauer Himmel, erste Sonnenstrahlen, willkommen im Herbst, was dieses Event so besonders machte. Ein Kunsterleben verknüpft mit Erinnerungen. Die einen hatten im Blog über den Kultursommer St. Severin gelesen, die anderen konnten es in echt erleben: die Arbeiten von Toska Tyszkiewicz in der Kirche, die Installation von Monika Czosnowska in der Kapelle, und Katrin Ribbe mit ersten Studien zu den Sylter Frauen.

Nun hängen die Arbeiten in Hamburg, angereichert mit dem, was war, und offen für das, was ist und kommt. Die Geschichte(n) erzählen sich fort, von einem Ort zum anderen und verändern die Kunst in ihrer Wahrnehmung. Wie schrieb der Schweizer Konzeptkünstler Rémy Zaugg (ich machte vor vielen Jahren darüber eine Ausstellung): Der Künstler schafft nur eine Skizze, mit ihrem Umfeld wird sie zu einem Werk.

Monika Czowsnowska, “Larissa” aus der Serie “Novizen”, Auflage 5, gerahmt (€ 4.700)

Ich muss an Christian Boltanski denken, den französischen Künstler, der mit Erinnerungen arbeitete und erklärte, wie Aura entsteht, angefangen bei jenen, die es direkt erlebten, zu jenen, die nur davon hörten aus erster Hand, aus zweiter Hand und so weiter. Die künstlerische Arbeit deutet sich um, verwandelt sich, reichert sich an. Das war es, was in kleinem Rahmen gestern Abend stattfand: vom sakralen Umfeld auf Sylt in die private Wohngalerie in Hamburg.

Zu theoretisch? Dann genießt einfach die Bilder, wie die Arbeiten aussehen, wie sie durch die Nähe zueinander miteinander kommunizieren (was auf Sylt nicht stattfand) und wie es die Gespräche der Gäste bestimmte, leicht, heiter, neugierig.

Im Esszimmer hängen vier erste Aufnahmen von Katrin Ribbe, die meinen Blick immer wieder fesseln. Ich beobachte sie aus verschiedenen Winkeln. Gegenüber die Arbeit mit der Festtags-Tracht aus Niedersachsen, prächtig, museal. In der Sichtachse zum Nachbarraum hängt die Fotografie “Alba” von Bernhard Prinz, ebenfalls in einer alten deutschen Tracht. Wir diskutieren erneut über das Dokumentarische und Künstlerische in der Fotografie.

Katrin Ribbe, oben: Sylterinnen in alten Trachten, unten: Westerten-Tracht 1920/30, entstanden 2017 (€ 3.800)

Dazwischen berichtet Katrin Ribbe von ihren ersten Kontakten mit alten Sylterinnen und wie komplex sich ihr Thema ausweitet. Ein Artist in Residence Projekt, das zu einem Art in Progress wird. Am liebsten würde ich ein Buch daraus machen mit Beiträgen zur Kleidung als Erinnerungskultur mit der Insel-Heimat im Besonderen, von Ab- und Ausgrenzung, und was Identität ist.

Wie selbstverständlich gesellt sich meine Mode dazu, ähnlich wie im Pastorat in Tinnum oder in der Kapelle, als Teil der Ausstellung, als mein kreatives Statement jenseits von Kommerz.

Im Flur sind die “Novizen” von Monika Czosnowska zu sehen. Klassisch streng angeordnet, anders als in der Kapelle, wo es zu einer Installation wurde, neue Paare und Gruppen haben sich gebildet. Den Auftakt macht “Rafael”. Wie selbstbewusst er aus dem Bild herausschaut, den Körper leicht gedreht, die Hand in der Tasche. Ihm gegenüber das Duo mit “Agnes” und “Jakob”, darunter die Bank von Magpie Art Collective (Privatbesitz).

Am anderen Ende des Flures hin zum Schlafzimmer haben sich “Rebekka” und “Benedikt” gefunden, mit 16 Jahren der damals Jüngste der Zwölf. Vom kleinen Korridor neben der Küche sieht man “Daniel”, “Thomas” und “Johanna”. Ich mag diese scheinbaren Zufälligkeiten.

Die Verteilung und Hängung fand in letzter Minute statt, da ich tagsüber die Zeit verplempert hatte. Aber manchmal ist es genau richtig so. Geschwind von der Leiter ins Outfit schlüpfen, die Haare kämmen, die Schuhe wechseln … and go!

Und dann ist irgendwann dieser Abend zu Ende, gewiss wird es in der Ausstellung noch weitere Treffen geben, bei einem Glas Wein, unbedingt mit der Pastorin Susanne Zingel, die gestern nicht kommen konnte, mit Roma, die für uns kocht … Oder wir verabreden einen indivuellen Termin.

Verschiedene Stickereien der Shipibo-Conibos, diesmal als Bettüberwurf (€ 800 – 1.200)