Erst war es nur eine spontane Idee, die durchaus etwas Absurdes in sich trug: “Roma e Toska in der Kapelle auf dem Friedhof in Keitum”. Susanne Zingel, die Pastorin von St. Severin, und ich mussten lachen am Telefon. Erfrischend fühlte es sich an, unschuldig, einen Ort neu denken. Was war dieser Ort bis dahin? Seine ursprüngliche Bestimmung ist nicht ganz klar, auf jeden Fall wurde er zuletzt als Abstellraum des Friedhofs genutzt, mit Säcken voll Dünger, Schubkarren und Gartengerät. Kurz darauf wurden wir ernst, arbeiteten gemeinsam an einem ambitionierten Kulturprogramm, hörten auf kritische Stimmen und nahmen sie als wichtige Impulse mit in unsere Konzeption auf.
Die Begeisterung um mich herum trug mich voran, denn schließlich gab es genug Sonstiges zu tun. Auf meine Anfragen, sei es für ein Gespräch, eine Lesung, eine Ausstellung, sagten alle umgehend ihr Kommen zu, ließen ihren Ideen freien Lauf. Dann setzten sich die Pastorin und ich wieder zusammen, um daraus einen Ablauf zu machen, der möglichst nicht mit anderen Veranstaltungen kollidiert. Wir verabredeten schmunzelnd ein Morning Reading in der Kapelle, jeden Montag um 5.30 Uhr, aus dem Schöpfungsgedicht von Inger Christensen, der großen dänischen Lyrikerin. Wer kommen wird? Ich habe keine Ahnung. Ich bin da, vielleicht der Friedhofsgärtner, Bonnie, ein paar Möwen und ein paar Frühaufsteher, die mit mir die Sonne aufgehen sehen möchten. Anschließend gibt es Croissants und Kaffee. Hört sich doch herrlich an, besinnlich und schön.


Ebenso außergewöhnlich sind die geplanten Midnight Readings und Diskussionen. Den Auftakt macht der spanische Philosoph Francisco José Soler Gil, der mit uns über die Anfänge des Seins diskutieren wird. Anschließend folgt der nächtliche Abend mit der Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Birgit Haustedt über das Werk von Rainer Maria Rilke, gelesen von Stefan Hartmann. Susanne Zingel wird dafür die Kirchenleuchter herunterholen, damit wir uns beim Schein der Kerzen zusammenfinden. Kirche im Dialog.


“Kultur und Kirche gehören zusammen. Kultur eröffnet neue Zugänge zu Glauben und Gemeinschaft. Und Kirche war immer schon ein Dialograum für vielfältige kulturelle Strömungen in der Gesellschaft. Gerade in einer Zeit, in der unsere Kirche nach neuen Formen sucht, um Menschen zu berühren, neue Perspektiven zu gewinnen und Zukunft zu gestalten, ist ein Projekt wie der Kultursommer Keitum genau richtig. (…)” Probst Mathias Lenz


Den Auftakt machen Susanne Zingel und ich am Dienstag, den 7. Juli, 17:30 Uhr. Anschließend stellen Robert Eberhardt (Felix Jud) und ich unsere Lieblingsbücher für diesen Sommer vor (10.7.). Mit Birgit Haustedt unterhalte ich mich Anfang August über Moby Dick, Ingeborg Bachmann … Ich komme nicht aus dem Schwärmen heraus, könnte sie alle aufzählen, die sich angesagt haben, wie Bärbel Bardarsky, Direktorin der drei Frauenvollzugsanstalten in Berlin, mit ihrem Thema “Schuld und Sühne und was dann?” Sie reflektiert mit uns über den Sinn von Freiheitsentzug als Strafe.


Und dann haben wir uns intensiv mit der Rolle von Mode auseinandergesetzt, meiner Mode. Wir haben die Kritik und die Zweifel zur Kenntnis genommen. “Tütüs auf dem Friedhof”, darf das sein? Mode ist für mich Kulturgut, meine kreative Sprache mit der ich kommuniziere, um den Blick neu zu schärfen für die unterschiedlichsten Aspekte von Gesellschaft. Kleidung ist Identität. Sie gehört für mich und uns zum Kultursommer Keitum 2026. Als Encyclopedia wird sie kuratiert und ausgestellt. Der Verkauf (!) findet anderswo statt. Wie wir überhaupt bis auf die Büchertische zu den Lesungen die Kommerzialtät ausgeklammert haben.
Mäzene und Förderinnen für den Kultursommer Keitum 2026 gesucht!

Dazu gehört auch das Artists in Residence Programm. Den Auftakt macht meine Tochter Toska Tyszkiewicz. Sie arbeitet seit einem Jahr mit echten Spinnennetzen, aus denen sie Objekte formt. Auf dem Dachboden von St. Severin wird sie ihr Material “ernten”, um daraus große Formen zu arbeiten, die im Altarraum und in der Kapelle ausgestellt werden.

Inspiration für die Arbeit von Toska. Sie schickte mir das Foto: “Gott der Herr ist Sonne und Schild”
Wie ich mich freue auf diesen Kultursommer Keitum zwischen Watt und Meer, an einem Ort, der die Menschen willkommen heißt, um über die wichtigen Dinge des Lebens nachzusinnen. Ganz besonders finde ich, dass so viele junge Künstlerinnen mit ihrem Talent und kritischen Verstand an diesem Projekt beteiligt sind.
Kultursommer Keitum Pressetext
Kultursommer Keitum Programm Stand 22.6.2026