Dries van Noten’s Satz geht mir nicht aus dem Kopf: “The only true protest is beauty.” Ich würde gern das Wort “Protest” durch “Haltung” ersetzen, es positiv besetzen, stark und wehrhaft, bewahrend, beschützend, berauschend und beglückend. Und dann fällt dieser Satz doch plötzlich ganz ähnlich von Daniel Kühnel, Intendant der Symphoniker Hamburg, gestern Abend zum Auftakt des Martha Argerich Festivals in der Laeiszhalle: “Welch’ kreative Kraft kann von Kunst gerade in polykrisenhaften Zeiten ausgehen?(!)” Erlaubt mir mein Ausrufezeichen hinter der suggestiven Frage.

Roma hat die Karten für das Eröffnungskonzert besorgt. Wir ziehen uns schick an, zufällig in dem gleichen Stoff. Sie trägt das Blätterkleid von damals (2012), als Roma e Toska noch eine Mädchen-Kollektion war, und ich wähle die Neuinterpretation mit dem Dschungelrock, dazu eine Vintage Gucci Bluse und die Slingbacks von Taglia Scarpe.

Zweiter Rang oben, Loge mit Blick auf die Bühne. Johannes Brahms, Reena Esmail, der “Liederkreis op.24” von Robert Schumann, dann Mischa Maisky (Violoncello) mit seiner Tochter Lily (Klavier) und seinem Sohn Sascha (Violine), erneut Brahms, das Klaviertrio Nr.3 c-Moll op. 101.

Pause. Anschließend nutzen wir das Angebot von zwei freien Plätze in der dritten Reihe Parkett. Was für ein himmlisches Geschenk. Nun ist plötzlich alles ganz nah. Martha Argerich und Maxim Vengerov, den viele als den größten lebenden Streicher bezeichnen, spielen Ludwig van Beethovens (1770 – 1827) zehn Sonaten für Klavier und Violine.

Musik umhüllt mich, als würden die beiden Ausnahmekünstler nur für mich spielen. Ein Dialog, das Klavier gibt vor, die Geige fängt es auf und gibt es zurück, mal zart, man widersprechend, virtuos und abwartend. So wie sie es vortragen wird Schönheit zur Menschlichkeit in ihrer ursprünglichsten Form. Unweigerlich und unaufhaltsam fließen mir die Tränen, ich könnte schluchzen wie ein Kind in dieser Umarmung der Klänge. Alles ist gleichzeitig, Schmerz und Liebe, Verlust und Ewigkeit, elysische Räume, die ich durchwandern darf, in einem Moment von “erschütternder Gegenwärtigkeit”, wie es Kühnel in seinem Begleitwort schreibt.

Unwiederbringlich. Kein Goethe’sches Flehen “verweile doch …”. Frenetischer Applaus, der nicht enden will. Wie die anderen zuvor, wird auch dieses Konzert von Martha Argerich mir unvergesslich bleiben. Den Abend lassen wir ausklingen mit Romas Blinis, Kaviar von Suzanna aus Polen und einer letzten Flasche Crémant. Mutter und Tochter. Wir halten uns bei der Hand.

Mit dem selben Rock gehe ich heute durch den Park, an der Seite Bonnie, über mir Gewitterwolken. Ich lese noch einmal im Programm: “Das Glück begreifen, daß der Boden, auf dem Du stehst, nicht größer sein kann, als die zwei Füße, die ihn bedecken.” (Franz Kafka). Sommeranfang. Vor einem Jahr starb die Freundin. Auch das gehört mit in meine Gedanken, während ich spaziere.

Das Festival geht noch bis zum 30. Juni 2026. Und den passenden Rock gibt es jetzt!