Warum sitze ich so gern in Zügen? Warum ist es mir beinahe egal, wie lange die Fahrt dauert, ob es regnet oder ob die Sonne scheint? Weil es für mich eine herrliche Auszeit ist, kein Telefon, keine Termine, einfach nur dasitzen und die Landschaft vorbei ziehen lassen. Und genauso ist es mit meinen unzähligen Gedanken, keiner lässt sich festhalten, sie kommen und gehen wie die Felder, die Bäume, die Häuser und die Bahnhöfe….

Eben gedacht und schon vorbei. Was wartet auf mich im Hamburger Atelier? Wie sieht der neue Blazer aus? Was schreibe ich später? Wen rufe ich an? Welche Bilder nehme ich mir? Schaffe ich all meine Termine, die ich so eng getaktet habe? Wird mein Mützenmann diesmal fertig sein für die royalblauen Elbsegler? Ob es wohl regnet? Fahre ich mit dem Rad um die Alster gegen den Wind oder schiebt er mich über die Lombardsbrücke an der City vorbei? Freue ich mich auf meinen Geburtstag oder eher nicht? Ich sollte mich besser organisieren. Wie dieses grün leuchtet. Wieviele Fotos habe ich schon von der Landschaft geschossen? Machen sich andere auch so viel Gedanken über mich wie ich über sie? Wie ist es, wenn man das Denken einfach mal ausschaltet?

Nichts denken, das geht im Zug nicht, dort explodieren Phantasie und geistiger Überschuss. Und darum sitze ich so gerne in dem Abteil mit dem großen Fenster links neben mir, das die Landschaft wie ein Gemälde einfängt. Wichtiges wird abgelöst von Unwichtigem, ohne das ich es steuern kann, es zieht einfach vorbei wie alles dort draußen.

„So wie Du bist, so ist die Welt“(Ramana Maharshi) schrieb mir gerade eine Freundin. So mag das wohl sein, wenn man in diesen Zügen in richtige und falsche Richtungen sitzt: ein Sammelsurium von Gedanken, das sich über Himmel und Erde legt. Drei Stunden Auszeit, anschließend wird es in Hamburg turbulent bis 18:40 Uhr, dann steige ich wieder in den Zug für den Weg zurück auf die Insel. Die Welt wird erneut so, wie ich sie versponnen denke. Freue mich jetzt schon drauf.