Heute ist Feiertag, die Geschäfte bleiben geschlossen. Länger als gewohnt liege ich im Bett, schaue, wie das Sonnenlicht warm über das Porträt meines Mannes fällt, das seine Künstlerfreundin in Warschau Anfang der sechziger Jahre von ihm malte. Ost und West und dazwischen die ehemalige DDR. Krzysztof erzählte immer den Witz von dem Flieger, der von Paris kommend in Warschau landete, und die Passagiere dachten, sie wären schon in Moskau. Umgekehrt, die von Moskau kamen und in Warschau landeten, fühlten sich wie in Paris.

Während ich so vor mich hinsinne, muss ich an ein Buch meiner Kindheit denken, das ich vor kurzem noch in der Hand hielt und nun nicht finden kann. Darüber ist gewiss eine halbe Stunden vergangen. Mit den Augen tastete ich Regal für Regal ab, bis ich es auf der Leiter stehend endlich ganz oben entdeckte. Es wird mein Beitrag zum “Tag der Deutschen Einheit”. Unpolitisch politisch.

Es gab einmal ein Großkönigreich und ein Kleinkönigreich. Das Großkönigreich umschloss das Kleinkönigreich. Wenn der Großkönig jedoch von der einen Seite seines Landes zur anderen fahren wollte, musste er das beschauliche Kleinkönigreich umfahren, was ihn ärgerte. Man hätte darüber verhandeln, freundschaftliche Lösungen finden können, nichts dergleichen, ich kann mich noch erinnern, wie mich das damals wütend machte.

Der betagte Minster riet zum Krieg, aber der Großkönigreichherrscher erdachte eine List: Der Kleinkönig besaß eine hübsche Tochter, wenn sie keinen Ehemann findet, dürfte er vertraglich das kleine Reich übernehmen. Also verbot er sämtlichen Händlern, Seife in das Kleinkönigreich zu verkaufen. Klingt blöd, aber hat mich damals mit sieben Jahren schwer beeindruckt. Menschen und Häuser und alles rundherum wurde grau und farblos. Die Prinzessin war schmutzig, hässlich und stank, kein Prinz wollte sich in sie verlieben. Traurig schlichten die Menschen von A nach B, ohne einander zu grüßen, ohne sich ein Lächeln zu schenken.

Neben mir lagen die bunten Klebeblätter in rot, blau, gelb, braun und grün, auf denen Kreise, Dreiecke, Quadrate und Rechtecke ausgestanzt waren. Sie warteten nur darauf, die leeren Flächen zu füllen. Aber erst musste ein junger hübscher Mann ein klitzekleines Stück Seife für die Prinzessin ins Land schmuggeln. Mutig, von sich überzeugt stand er da, ein Retter, wie sich unschwer erkennen ließ. (Spätestens seit Ingeborg Bachmann wissen wir, dass junge Helden auch junge Frauen sein können.)

Der Kleinkönig versprach ihm die Hand seiner Tochter und dass er zukünftiger König werden würde, wenn er sie von dieser Unterdrückung erlöse. Endlich konnte ich meine bunten Kreise loswerden, erst bedeckte ich damit das Kleid der Prinzessin (vielleicht hat mich das zur Mode gebracht), setzte ihr eine goldene Krone auf und links und rechts zwei braune Zöpfe (so wie ich sie trug).

Der junge Mann eilte zurück ins Großkönigreich und überredete einen Seifenmacher, seine ganze Seife durch den Schornstein verdampfen zu lassen. Siehe da, es braucht geschickte Allianzen und eine ungewöhnliche Idee, ein “Out of the Box”-Denken, wie man heute sagen würde. Der günstige Wind bließ die Seifenwolken zum Kleinkönigreich und machte daraus Millionen von Seifenblasen, die an den Dächern und Straßen sowie auf den Köpfen und Kleidern der Menschen zerplatzten. Ich war eifrig beschäftigt rot, grün und braun über die ganze Seite zu verteilen.

Wunderschön sah es aus. Hoffnungsvoll öffneten die Bewohner ihre Türen und Fenster, damit die Seifenblasen überall hineingelangten. Ich glaubte fast ihr fröhliches Geschwätz und Lachen aus dem Buch herauszuhören. Dann kam der Regen und wusch alles blitzeblank, die Prinzessin heiratet den jungen Mann, der im übrigen kein Prinz war. Der Großkönig war beeindruckt von dem Wandel und dem zielstrebigen Plan, entließ seinen alten grimmigen Minister und fuhr zum Kleinkönig. Da saßen nun die beiden alten Herren auf der Bank und verabredeten, dass sie die Grenzen aufheben, damit jeder ungehindert reisen darf. Der zukünftige König vom Kleinkönigreich wurde auch neuer Minister im Großkönigreich. Ein weiser Schachzug für eine gemeinsame Zukunft.

Wie bekommen wir die Welt nur wieder bunt? Mein kleines Kinderbuch-Gleichnis erzählt davon ganz viel, von dem Mut und der entschlossenen Umsetzung eines Vorhabens, von unkonventionellen Ideen und Allianzen, die helfen, Blockaden und unsinnige Gesetze zu umgehen sowie von dem jugendlichen Optimismus, dass man alles gewinnen kann. Und Liebe ist natürlich auch im Spiel. Seifenschaumblasenherrlichkeit.