Ein Schloss am Meer, Duino an der Adria. Eine Kirche am Meer, St. Severin in Keitum. Zwischen unserem Midnight Reading der 1. Duineser Elegie von Rilke und seiner Niederschrift im Schloss der Fürstin Maria von Thurn und Taxis liegen 114 Jahre, zwei Weltkriege, eine verlorene Zeit, die Belle Époque, als Duino einer der wichtigsten Treffpunkte der politischen und kulturellen Elite Europas war. Häufiger Gast: Rainer Maria Rilke (1895 – 1926), verehrt und mütterlich geliebt von der Fürstin. Ab November 1911 verweilte er dort allein mit dem Personal. Zurückgeworfen auf sich selbst, versuchte er seine Schreibblockade in den Griff zu bekommen, die Einsamkeit zu ertragen. Ein “Dottore Serafico”, wie ihn die Freundin nannte, der mehr vom Himmel verstand als vom Irdischen.

Letztes Jahr feierten wir seinen 150. Geburtstag, dieses Jahr seinen 100. Todestag. Schwierig sind seine Elegien, die Klagegesänge, deren erste ihm Engel einflüsterten oder das Meer und der Wind. Er hörte Stimmen, als er an einem stürmischen Tag die Felsen hinabstieg. In sein Notizbuch notierte er rauschhaft die Verse, die fast unverändert blieben. Das gesamte Werk sollte ihn noch weitere zwölf Jahre beschäftigen. Wir beschränken uns auf den Anfang in Duino, im Februar 1912.

Die Kirche ist im Schummerlicht, wieder sind die Kerzen im Altarraum angezündet, wieder diese innere Aufregung, die es vielleicht braucht, um sich wirklich einzulassen, um zu erahnen, was sich hinter dieser komplexen Lyrik verbirgt. An meiner Seite ist die Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Birgit Haustedt, eine Rilke Expertin. Ich spüre auch ihre Nervosität bevor wir mit unserem Gespräch beginnen.

Stefan Hartmann wird das Gedicht als Ganzes lesen und dann jede Strophe für sich. Sorgfältig hat er sich vorbereitet, muss gegen seine Natur sprechen, gegen diese raue Attitüde des Naturburschen. Nun ist er der zarte Antiheld, der zerbrechliche Zweifler, zutiefst verunsichert in die Welt hineingeworfen. Keine Ordnung, fragend, stockend die Melodie suchend.

Vers für Vers werden wir in den Sog der verstörenden Wörter gezogen, und insgeheim habe ich das Gefühl, dass uns alle diese Nacht berührt hat zwischen dem Unverstehen und einer universellen Leere, die in der Kirche in Schwingungen gerät, um mit Rilkes letzter Zeile zu sprechen, “die uns hinreißt und tröstet und hilft.”

Die Erste Elegie

1
Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
und die findigen Tiere merken es schon,
dass wir nicht sehr verlässlich zu Haus sind
in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, dass wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
uns am Angesicht zehrt – , wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
Weißt du´s noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht dass die Vögel
die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

2
Ja, die Fühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
Sterne dir zu, dass du sie spürtest. Es hob
sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
da du vorüber kamst am geöffneten Fenster,
gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
Aber bewältigtest du´s? Warst du nicht immer
von der Erwartung zerstreut, als kündigte alles
eine Geliebte dir an?
(Wo willst du sie bergen,
da doch die großen fremden Gedanken bei dir
aus und ein gehen und öfters bleiben bei Nacht.)
Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange
noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
so viel liebender fandest als die Gestillten. Beginn
immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;
denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm
nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.
Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,
dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht, dass irgend ein Mädchen,
dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
dieser Liebenden fühlt: dass ich würde wie sie?
Sollten nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, dass wir liebend
uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

3
Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
Heilige hörten: dass sie der riesige Ruf
aufhob vom Boden; sie aber knieten,
Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
So waren sie hörend. Nicht, dass du Gottes ertrügest
die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,
die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.
Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.
Wo immer du eintratst, redete nicht in Kirchen
zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?
Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,
wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.
Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts
Anschein abtun, der ihrer Geister
reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

4
Freilich ist es nicht seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
Seltsam, die Wünsche nicht weiter zu wünschen. Seltsam,
alles, was sich bezog, so lose im Raum
flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, dass man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. – Aber Lebendige machen
alle den Fehler, dass sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
reißt durch beide Bereiche alle Alter
immer mit sich und übertönt sie in beiden.

5
Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,
man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten
milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große
Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
seliger Fortschritt entspringt – : könnten wir sein ohne sie?
Ist die Sage umsonst, dass einst in der Klage um Linos
wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
dass erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
plötzlich für immer enttrat, das Leere in jene
Schwingung geriet, die uns hinreißt und tröstet und hilft.

Unvergesslich dazwischen das Orgelspiel und der Gesang des Countertenors Dmitry Egorov. Schwierige Stücke sind es, die auch ihn über sich hinauswachsen lassen. Hätte es Rilke gefallen? Er war skeptisch der Kirche und der Musik gegebenüber, sah letztere als Konkurrenz zu dem Klang seiner Verse. Aber die sphärische Klarheit von Dmitrys Stimme hätte ihn gewiss sanft gerührt, und die Konzentration, mit der wir zur nächtlichen Stunde seine Poesie in uns aufnahmen. Für mich unvergesslich.