Gestern sah ich einen kleinen Beitrag auf der Seite der US-amerikanischen Schauspielerin Glenn Close. Sie steht da in einem Oversized Herrenblazer und singt wie für sich selbst ein Lied aus ihrer Kindheit, fast ein wenig verschämt, weil es öffentlich wird. Dann erzählt sie, wie sie aufwuchs in Greenwich, Connecticut, in einem kleinen Holzhaus mit Garten und Bäumen, warum ihr diese Erinnerungen wichtig sind in einer Welt, die unüberschaubar laut geworden ist. Ich muss an die irische Künstlerin Polly Maher denken, die ich gerade oben in meinen Räumen ausstelle, wie sie vor uns steht steht und sagt:

“I can just paint what I know.”

“I know”, ich grübele über das Wort und wie es ich übersetzen würde: was ich “kenne”, was “mir vertraut ist”, von dem ich “etwas weiß”, “familiar”. In ihren Sätze schwingt viel von Irland mit, von ihrer Familie, dem Farmhaus der Großeltern und Eltern südlich von Dublin, in das sie nach ihrem Hamburger Studium zurückgezog. Der Vater mit seiner Werkstatt, in der er Curling Schläger baut. Malen, wo ich herkomme. Und doch wird es zu einer universellen Sprache, denn wir alle kommen irgendwo her und tragen es mit uns.

Polly Maher, “Sink”, 2023, Ausschnitt, Öl auf Holz, 40 x 46 cm (€ 1.600)

Sie schildert ihren Malprozess. Zuerst zieht sie mit der Kamera los und fotografiert, unsortiert, Ausschnitte aus Innenräumen, Häusern, Toreingängen, Eindrücke aus der Nachbarschaft. Sorgfältig wält sie aus den Hunderten von Snapshots aus und beginnt zu malen, schnell, intuitiv. Nichts wird korrigiert.

Polly Maher, “House”, 2023, Detai, Öl auf Holz, 25 x 30 cm (1.200)

Es entstehen ganze Reihen gemalt auf Holz, das ein Eigenleben besitzt, eine Maserung, die manchmal durchschimmert, fünf Motive, zehn Motive hintereinander, rauschartig. Ist ein Bild nicht gut, wird es später von einem Anderen übermalt. Oft ist es nur eines, das bleibt, das genau diese Verdichtung besitzt von “I know” mit einer eingefangenen Gleichzeitigkeit von gestern und heute.

Warum sie keine Menschen malen würde, lautet eine Frage aus dem Publikum. Immerhin hat es ein Hündchen auf die Holzfläche geschafft. Polly zögert einen Moment, bevor sie ruhig antwortet. Es interessiere sie das Wesen der Dinge, in denen gelebtes Leben steckt. Ich denke an den Tisch und meine drehbuchartigen Szenarien, die ich über ihre Bilder schrieb. Die Personen sind spürbar, auch wenn sie nicht auftauchen. Und am Ende sind wir es als Betrachter, die sich in die Szenerie einfügen.

Polly Maher, “Dog”, 2026, Öl auf Holz, 44 x 40 cm (1.600)

Zum Schluss möchte ich wissen, was ihr Ehrgeiz als Künstlerin ist. Der Kunstmarkt ist schwierig, konzentriert sich auf die Metropolen, auf monumentale Arbeiten und raumgreifende Installationen. Wer hat noch die Geduld für die leisen Töne, versteht die “Zufälligkeit” des kleinen Formates?

Ich schaue zu ihr rüber, diese junge Frau besitzt eine besonderes Ausstrahlung, die sie unglaublich schön macht. Ich fühle mich wohl an ihrer Seite. Und dieses Gefühl ging auf die Gäste an diesem Vernissage-Abend über.

Sie lächelt ihr Lächeln, eine Mischung aus geerdet, bescheiden und trotzdem selbstgewiss. Diesmal lässt sie mit ihrer Antwort nicht auf sich warten:

“As far as I can get!”

Die Ausstellung geht noch bis Mitte Dezember. Besichtung auf Voranmeldung: 0172-4313905 oder spontan im Anschluss an den Besuch in der Poolstrasse 30.