Es gibt ein Lied, das sich wie unser Zuhause anfühlt. Es hat sich in die Wände eingegraben, zwischen die Kleidungsstücke im Schrank gelegt, auf die Kissen im Bett und das Geschirr auf dem Esstisch. Meist kam es vom Plattenspieler mit dem typischen kleinen Knirschen und den leichten Sprüngen, so oft wiederholt, dass ich vom meinem Schreibtisch aus manchmal dachte, es dürften keine Rillen mehr in dem Vinyl sein: My Funny Valentine von Chet Baker.

Die Ballade mit ihrer zarten Melancholie, lässt die Töne im Raum hängen und die Lyrics durch die halbgeöffneten Türen schlängeln. Ich kenne sie beinahe auswendig, summe die Melodie wie sie Chet Baker irgendwo in dem anderen Zimmer singt, während ich einige Meter entfernt schreibe, zeichne, telefoniere oder einfach nur aus dem Fenster schaue … “You make me smile with my heart.”

Abb: Chet Baker. Foto: William Claxton/ AP

Ich halte inne, wenn mit Nachdruck die dritte Strophe beginnt: “But don’t change your hair for me”, um dann sanft, aber nicht weniger eindrücklich fortzusetzen: “Not if you care for me …” Ich lächele in mich hinein, darf so bleiben wie ich bin.

“Is your mouth a little weak? / Whey you open it to speak / Are you smart?” Wer möchte in diesem Moment nicht Valentine sein und so besungen werden: “Yet you’re my favorite work of art.”

Es ist der schöne zerbrechliche Mann, der uns mit seiner Stimme aus der Banalität des Alltags holt, wenn er singt: “Each day is Valentines day”. Dabei war dieses Lied, von Richard Rochers komponiert und von Lorenz Hart getextet, 1937 ursprünglich an einen Mann adressiert. Und so ist es seitdem eines der schönsten Jazzlieder, das für beide Geschlechter gleichermaßen gilt, androgyn und empfindsam.

Und wenn man die Strophen verinnerlicht hat, dann darf man heute am Valentine’s Tag für ein paar Minuten die Augen schließen und sich die legendäre Aufnahme von Gerry Milligan und Chet Baker von 1952 anhören. Die Trompete von Chet Baker übernimmt auf wundervolle Weise, was Worte nicht ausdrücken könnten…