Sie gehört zu den ganz Großen, ein Monolith der Lyrik zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Else Lasker-Schüler (1869 – 1945), die Erfinderin der expressionistischen Literatur. Sie zerschmettert die Worte und Sätze in Mosaike, die sich nur gefühlt wieder zusammensetzen lassen. Verliebt-sein war für sie ein Dauerzustand genauso wie das Leiden an der Welt. Zu ihren wichtigsten Gefährten gehören Herwarth Walden, Herausgeber des Avantgard-Zeitschrift “Der Sturm”, der Künstler Franz Marc und der Schriftsteller Gottfried Benn.


Ein Liebesgedicht wäre naheliegend, aber das hatten wir schon vor einer Woche mit Marianne Willemer und Goethe. Was ich ausgewählt habe für heute Morgen, ist jedoch überraschend damit verwandt, nur viel umfassender, leidenschaftlicher und verzweifelter. – Aber lest selbst und denkt Euch in diesen schlichten Raum, in dem wir um 5:30 Uhr beizusammensitzen.

WELTENDE
Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen …
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.
Du, wir wollen uns tief küssen –
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.
Else Lasker-Schüler schrieb das Gedicht 1903, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann getrennt hatte und bevor sie Herwarth Walden heiratete. Eine Umbruchszeit von besonderer Trauer, von zerbrechlicher Liebe, beschädigt scheint das Vertrauen in einen “Kinder-Gott”. Und doch “pocht eine Sehnsucht an die Welt”.

Man muss diese Schriftstellerin mit dem Herzen lesen und mit den Sinnen, mit der Fantasie für Farben und Stimmungen, erst dann öffnet sich ein Kosmos, der sie in eine Reihe mit Rilke stellt, von dem wir auch in wenigen Tagen mehr hören werden (9. August), diesmal als Midnight-Reading in der Kirche um 22:00 Uhr.


Ich lese das Gedicht einmal, zweimal, dreimal, ja sogar noch ein viertes Mal, bis es uns in der kleinen Kapelle auf dem Friedhof am Meer weit fortträgt. Während die anderen auf den Bänken sitzen bleiben, gehe ich vor die Tür und blicke geradewegs der aufgehenden Sonne entgegen.


Unwillkürlich kommen mir die Tränen, wieder einmal. Wir stehen eine Weile beisammen und trinken einen Kaffee, essen Brot, wollen uns noch nicht trennen, plaudern und sind zugleich innerlich ganz woanders, dort wo das Leben in seiner Widersprüchlichkeit lebt, wo Trauer und Liebe untrennbar sich verbinden, “tief küssen”, beglückend schön.

Anschließend schnappe ich mir den Hund, ziehe mich gar nicht erst um, und fahre auf die andere Seite der Insel, dort, wo der Wind die Wellen an den Strand drückt. Ich fühle mich irgendwie frei und strahlend.
“Komm, wir wollen uns näher verbergen… // Das Leben liegt in aller Herzen”

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Liebe Birgit,
das war ein ganz wunderbarer Start in den Tag heute Morgen, sehr inspirierend und noch lange nachwirkend….
Herzlichen Dank und herzliche Grüße,
Katharina