Nach über acht Wochen Kultursommer St. Severin in Keitum gibt es heute kein Gedicht in der Kapelle auf dem Friedhof am Meer. Stattdessen habe ich mich auf dem Balkon in Hamburg eingerichtet und genieße von dort aus den Sonnenaufgang. Schön ist es. Tauben statt Möwen fliegen um mich herum, der Blick geht über die große Kreuzung Richtung Planten un Blomen und rechts zur Laeiszhalle. Morgenfrisch ohne Salz-Parfüm.

Mir fehlen jedoch die Fahrradtour im Dunkeln von Tinnum entlang der Wiesen, die angestrahlte Kirche, die aufgehende Sonne über dem Wattenmeer und die streng ausgerichteten Bänke in der Kapelle mit Tine ganz hinten und Martina weiter vorne. Rechts davon Michael aus Berlin, der nicht früh aufstehen mag, aber doch jedes Mal kam. Dazwischen ein paar Gäste, die die Neugierde aus dem Bett getrieben hat. Jede und jeder mit seinem eigenen Leben, das um 5:30 Uhr eine Pause machte.
“Es hat so viel Freude gemacht. Ich werde es jetzt im Winter im Herzen behalten und einfach bis zum nächsten Sommer warten.”
Diese Nachricht erreichte mich vor ein paar Tagen, ich werde es genauso machen mit meinen Erinnerungen an diese besondere Stimmung.

Was für ein merkwürdiger Montagmorgen dagegen heute früh, duftig könnte man ihn nennen, warm ist es noch und die Sonne scheint frühherbstlich um die Ecke über den Häusern. Aber das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt steckt in den Gliedern. Gründe, warum so etwas passieren konnte, sind schnell bei der Hand. Da verwundert eher das Verwundern der wählerhalbierten Partei. Aber wie bekommen wir die Menschen zurück, die Verunsicherten, Enttäuschten, die sich nicht gehört fühlen?

Ich könnte jetzt an Hannah Arendt erinnern, aber hilft es zu urteilen? Vielmehr gilt es auf politischer Ebene zugewandt mit Ideen, Konzepten und Struktur-Investitionen auf die Bevölkerung zuzugehen. Ich muss an die Näherinnen im Erzgebirge denken, wie dankbar sie waren, wenn man ihre Arbeit wertschätzte und wie hart ist der Alltag, der vor Aufgang der Sonne beginnt. Einer Gesellschaft, und damit ist die Summe aller gemeint, geht es besser, wenn sie soziale Unterschiede abmildert, statt weiter zu spalten.

Katrin Ribbe. Fotoarbeit über Niedersächsische Trachten.
Nachher kommt Katrin Ribbe aus Hannover. Sie war “Artist in Residence” im unserem Kultursommer St. Severin und fotografiert als Langzeit-Projekt alte und neue Sylter in Trachten. Was ist Heimat? Wo und wie fühlen wir uns beheimatet? Es gab große Schwierigkeiten am Anfang, keiner wollte so recht helfen. Dann öffneten sich die Türen, entwickelte sich ein erstes Zutrauen. Wie wird Katrin die Werte und die Würde dieser Frauen im Bild festhalten? Am liebsten möchte ich daraus ein Buch machen mit einem Essay über eine Insel-Wertegemeinschaft im Wandel.

Und dann gibt es doch noch ein Montags-Gedicht von Emily Dickinson (1830 – 1886):
Ich zog einen Wechsel aufs Leben.
Man zahlt, wie jedermann weiß,
Dafür die volle Existenz,
Das ist so der übliche Preis.
Sie legten mir Brocken für Brocken hin
Und gaben mir Schein für Schein –
Mein ganzes Guthaben reichten sie mir:
Einen einzigen Traum vom Himmel.

-
GROSSES ALPFENPLFANZEN TUCH, MULTI
€249,00 inkl. Mwst. -
FALTEN ROCK, ROSA
€498,00 inkl. Mwst.



