Fragen wir uns nicht oft: Wer bin ich, wer möchte ich sein? Oder zumindest sollten wir uns ab-und-an diese Frage stellen, um unsere Persönlichkeit zu schärfen, eventuell Korrekturen vorzunehmen, wenn wir nicht dort sind, wo wir sein wollen. Gestern sprach ich mit meiner Tochter Roma darüber, wie sie sich selbst lieb hat und sich doch manchmal verlorengeht. Es gehört zum Leben dazu. Solche Abschnitte der Wandlung zeigen sich bei mir in meiner Kleidung. Möchte ich auffallen oder lieber unsichtbar bleiben? Jeden Tag das Gleiche anziehen, eine Schicht über die andere in unmöglichen Kombinationen. Oder kokett, schillernd, schick? Will ich hübsch sein? Wann bin ich wieder schön?

Gerade befinde ich mich in solch einem schwebenden Prozess, kombiniere am liebsten den schlapprigen Pullover meines Mannes oder sein altes Checker Hemd mit meinen Blusen, Hüllen, die mich schützen. Gleichzeitig stecke ich all meine Fantasie in die Kollektion. Beinahe jeden Tag entsteht ein neues Modell, das von einer sprühenden Vitalität erzählt. Außen und innen befinden sich in einer merkwürdigen dynamischen Spannung. Es überrascht mich selbst. In mich gekehrt notiere ich meine Gedanken und erforsche die Widersprüche, die so viele Geheimnisse in sich bergen.


Basic Bluse Shipibo-Conibo, Checker Hemd privat, Balerina Taglia Scarpe mit Fell innen, € 398
Ich befinde mich wieder mal im Wandel, eine Veränderung steht an. In meiner Mode ist sie schon deutlich zu sehen, während ich selbst noch ein wenig hinterher hinke. Aber wie sagte die Freundin: Das Fühlen braucht Zeit.

In diesen Kontext passt der Gastbeitrag von Dr. Sabine Weichel-Kickert über die Österreichische Foto-Künstlerin Irene Andressner.
Wer bin ICH und wenn ja, wie viele? – Irene Andessner in ihrer Rolle als Ursula K.
von Sabine Weichel-Kickert

„Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ Dieses Buch von Richard David Precht, 2007 erschienen, schickt uns auf eine philosophische Reise zum ICH und hielt sich 2008 hartnäckig auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Beim Nachdenken über das Werk der österreichischen Künstlerin IRENE ANDESSNER kommt mir unweigerlich dieser Satz in den Sinn. Denn ihre Selbstbildnisse sind keine Selbstportraits im klassischen Sinne. Ihr ganz privates ICH verbirgt sich eher hinter der Vielfalt der Rollen, der historischen, aber auch der unbekannten Persönlichkeiten, in die sie sich, mit der ganzen Kunst der Verwandlung und Einfühlung, hineinarbeitet.

Ausstellung: The Contemporary Family of Man. Noch bis zum 26.5.2026
Welches Bild haben wir eigentlich von uns selbst? Als Kind nehmen wir uns über die Mutter wahr, die unser Tun durch ihren Blick und ihre Zuwendung reflektiert. Auch später sind wir die Summe der Bilder, die sich unsere Mitmenschen von uns machen und die wir im Laufe unseres Lebens von uns selbst gewinnen. Unser eigenes Spiegelbild gibt nur eine Momentaufnahme wieder, ein Abbild des Selbst. So bleibt die Frage nach dem „Wer bin ich?“ offen, denn niemand vermag sich selbst von außen zu sehen.

Ausschnitt Irene Andessner. Ursula K., 2027. C-Print, 100 x 100 cm, € 8.000
Das Selbstbildnis gehört zur Gattung der Porträts. Der Reiz eines Porträts liegt auch im menschlichen Bestreben, den Charakter einer Person durch ihr äußeres Erscheinungsbild zu deuten. Die Augen als Spiegel der Seele, der Blick, die Mundwinkel hoch oder runter, die Haltung gibt Auskunft über den Seelenzustand des Porträtierten. Schließlich der Habitus, die Kleidung, die Frisur, Schmuck und Attitüde. Bei Andessner verschmelzen das ICH und die porträtierte Person, in die sie sich, im Gegensatz zu einer Schauspielerin, mit allen Mitteln der Kunst anzuverwandeln vermag, zu einer Facette, einer Collage ihrer selbst.

Irene Andessner. Ursula K., 2027. C-Print, 100 x 100 cm, je € 8.000
Nach zahlreichen Werkreihen mit historischen Rollenbildern und Allegorien bekommt 2007 eine unbekannte Zeitgenossin die ganze Aufmerksamkeit der Künstlerin: Ursula K. Sie ist eine Frau, die es wirklich gibt und die Irene Andessner in Wien in einem Fotolabor kennenlernte, in welchem sie immer wieder arbeiten ließ. Die elegante Frau fiel ihr durch ihren besonderen Kleidungsstil auf, der in den 1980er Jahren stehengeblieben zu sein scheint, aber gleichzeitig von ungewöhnlicher Eleganz ist. Die Künstlerin ist fasziniert und gleichzeitig berührt von Ursula K.‘s Erscheinung als Frau.

Irene Andessner. Ursula K., 2027. C-Print, 100 x 100 cm, € 8.000
Irene beginnt ihre Arbeit als Drehbuchautorin und Regisseurin. Eine Geschichte entsteht, die eine gewisse Dramatik mit psychologischer Tiefe und ein Geheimnis birgt. Die Hauptfigur ist eine Frau, die versucht, mithilfe ihres Kleidungsstils ihre besten Jahre festzuhalten.

In ihren 30ern findet Ursula K. ihre Art, sich zu präsentieren: die Frisur aufwändig gesteckt, die schöne Figur betont durch elegante Kleider, sie trägt die goldenen Armreifen und den Schmuck, den ihr Ehemann ihr einst verehrte. Sie bewegt sich in der Gesellschaft und erhält Anerkennung für ihre Schönheit. In den 1980ern ist sie eine Stilikone. Dreißig Jahre später hat sich eine Routine eingeschlichen. Sie möchte ihre „besten Jahre“ festhalten, indem sie ihren Stil „einfriert“. Ein Verharren in der Zeit soll sie davor bewahren, ihre Einsamkeit und ihr Alter schmerzlich wahrzunehmen.

Die verschiedenen Drehorte werden gesucht. Die Regisseurin Andessner sucht nach Orten in der Stadt, die ebenfalls in der Zeit stehengeblieben sind. Ein altes Kino, in welchem nur alte Schwarz-Weiß-Liebesfilme gezeigt werden, ein Kaffeehaus, indem die Dekoration immer noch an die 80er Jahre erinnert, Kaffee in Kännchen serviert wird und keiner fragt, wenn man sich den ganzen Nachmittag daran festhält. Eine Wohnung, überladen mit Nippes und einem Sammelsurium von aus der Zeit gefallenen Möbelstücken. Die alte Pratersauna, die Fleischhalle, eine Vorstadtdisko, die bekannt dafür ist, dass man zum „Aufreißen“ hingeht. Acht von zehn Orten, die zu Drehorten der Serie werden, gibt es heute, 20 Jahre später, nicht mehr. Die Serie ist also auch ein Dokument der Zeit.

Es entsteht eine Art Tagebuch, ein Tagesablauf der Ursula K. mit dem Charme eines Film noir. Ihre Kleidung und Aufmachung sind dabei authentisch, denn Irene trägt die Kleider und den Schmuck von Ursula, wird zu Ursula, fühlt sich ein in die Figur und ihr Leben, schlüpft in ihre Haut.

Die Polaroid-Serie beginnt am Morgen im Schlafzimmer der Ursula K. mit einer ersten Zigarette. Das Interior ist sorgfältig inszeniert, mit dem Hochzeitsbild und den Familienfotos aus früheren, vermeintlich glücklicheren Tagen an der Wand, dem Bett mit den neobarocken vergoldeten Schnitzereien, den rosa schimmernden Laken und einem Morgenrock wie aus einem Metro-Goldwyn-Mayer-Film der 1940er Jahre.

In der Küche ein nachdenkliches Innehalten im rosa Morgenrock, an den Küchenschrank gelehnt, mit Lockenwicklern im Haar, die Aspirin liegt auf der Anrichte, neben der Kaffeemaschine. Die Farben in Rosa und Türkis erinnern an die 50er-Jahre. Die tägliche Routine gibt den immer gleichen Tagesablauf vor.
Perfekt frisiert im Stil der 1980er Jahre, folgt der Gang zum Metzger an der Ecke, um für den Hund ein Leckerli zu kaufen. Es ist ihr erster Sozialkontakt des Tages. Die Hauptfigur der Ursula K. ist ganz symmetrisch ins Bild gesetzt, während das Umfeld der Fleischhalle und der Verkäufer durch leichte Unschärfe den Rahmen bilden.

Im Waschsalon. Die dynamische Inszenierung der roten Waschmaschinen mit der apfelgrünen Wand im Hintergrund und dazu die orangefarbene Bestuhlung verortet wiederum den Geschmack der 1970er Jahre. Ursula K. im Halbporträt trägt einen ernsten, fast traurigen und einsamen Gesichtsausdruck. Sie interagiert nicht, sondern verharrt in Nachdenklichkeit, ganz allein im Raum mit ihrem Wäschekorb.

Mit Kunstpelzmantel und Leggins im Animal-Print hat sich Ursula K. zum Ausgehen hergerichtet. Sie fährt mit dem D-Wagen stadtauswärts. Sie will zu einer Diskothek, weit draußen in der Vorstadt, ein bekannter Aufreißer-Treffpunkt. Draußen ist es schon dunkel geworden. Wieder ist sie allein.

Der starke Hell-Dunkel-Kontrast verstärkt die Dramatik der Einsamkeit. Wir als Betrachter denken die Geschichte weiter, … wird sie jemandem begegnen, der ihr Leben verändert?

Ursula K. im Kino. Auch hier scheint die Zeit stehengeblieben mit dem Interior von Blümchentapete und den ovalen Porträts von Schauspieleridolen aus der Schwarz-Weiß-Film-Ära an der Wand und den eleganten lilafarbenen Samtpolstersitzen.

Ursula ist ebenfalls elegant angezogen mit ihrem Seidenjersey-Kleid, der hochtoupierten Frisur, ihrem Schmuck und Pelzkrägelchen und ihren High Heels, ganz so, als wäre ihre Eleganz ein Schutzpanzer gegen die Einsamkeit. Hier ist sie wieder eine Stilikone, hier passt sie hin, sie fühlt sich wieder wie mit 30. Gespielt wird heute der Film: „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“

Sehen wir uns am kommenden Dienstag, den 26.5.2026, ab 18:00 Uhr? Diesmal nicht in der Poolstrasse 30, sondern upstairs in der Roma e Toska Gallery, Johannes-Brahms-Platz 9, nur wenige Meter davon entfernt. Es geht u.a. um Künstlerinnen Irene Andessner, das Buch über die Contemporary Family of Man, aber auch über das spannende Leben meines Talkgastes: Dr. Sabine Weichel-Kickert.
Frohe Pfingsten!
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