Manche Abende verdienen einfach das Prädikat “zauberhaft”, so auch der letzte IT’S A DIENSTAG, den wir nach upstairs in die Galerie am Johannes-Brahms-Platz 9 verlegt hatten, um den Bogen zu schlagen von den Lebensgeschichten meines Talk-Gastes, Dr. Sabine Weichel-Kickert, zu der von ihr kuratierten Ausstellung “The Contemporary Family of Man” und ihrem dazugehörigen Buch.


Die warme Abendsonne und eine angenehme Brise durchfluteten die Räume, dass es sich wie auf einer sommerlichen Cocktail-Party anfühlte. Katerchen hat seinen Platz gefunden. Alte Gesichter, neue Gesichter, mehrere hatten selbst die weitere Anreise nicht gescheut von Berlin, Paderborn, Rockstock oder Lübeck.


Roma hatte die Snacks zubereitet, Wein und Prosecco waren gut gekühlt. Keiner schien es eilig zu haben, jeder steckte in Gesprächen umgeben von Kunst. Über Irene Andessner und ihre Fotoserie “Ursula K.”, hatten wir schon berichtet und trotzdem gab es genug zu erzählen, um den sorgfältig komponierten und arrangierten Bildern detektivisch ihre Geheimnisse zu entlocken.



Beginnen wir diesmal nicht bei der Kunst und der Fotografie im Besondern, sondern bei Sabine und ihrem bewegten Leben. Geboren im Erzgebirge, aufgewachsenen in der damaligen DDR, “Ein Land, das es nicht mehr gibt”, so der Titel des Kinofilms, den Annegret Weitkämper-Krug mitproduziert hat. Wie schön, dass sie es rechtzeitig von ihrem aktuellen Dreh zu uns geschafft hat.

Die Freundin aus der Studienzeit in Rostock, Susanne Buch, reiste extra an. Sie ist mittlerweile eine renommierte Restaurateurin für Textilen, betreut u.a. den Nachlass von Marlene Dietrich. Ich denke, sie wird demnächst auch mein Talkgast sein, so spannend ihre Schilderungen.


Die Berichte über das Leben damals springen hin-und-her. Und auch Dr. Katharina Wiefel-Jenner kann so Einiges dazu beitragen. Sie wuchs in Ost-Berlin und in Halle auf. Herrlich, wie sie sich nun die Stichworte zuwerfen. Verschiedene Schicksale mit vielen Anekdoten von Familie und Freundschaften, die sich ähneln. Keineswegs war alles schlecht. Wenn die drei erzählen, dann entbehrt es nicht den Witz, das Organisationstalent, die Gabe aus allem irgendwie das Beste zu machen. Urplötzlich fand sich Sabine beispielsweise als Chefsekretärin eines riesigen Kombinat wieder, da war sie noch keine zwanzig.


Und dann die Geschichten als Studentinnen der Textilwirtschaft, Mode-Design nannte man es dort nicht. Wie sie improvisierten, mit dem Trabi vom Großvater, als er ihn endlich bekam, war er schon so betagt, dass er nicht mehr fahren konnte. Stoffe wurden von A nach B gekarrt und auf abenteuerlichste Weise “zweckentfremdet”. Wie im (besagten) Film.

Fleißig, wendig, geschickt, um die eigenen Ideen durchbringen. Und dann stellte sich doch die Frage: Bleiben oder gehen? Als man ihr am Flughafen den Reisepass abnahm obwohl sie zur Mode-Exkursion nach Italien fahren sollte, reichte es ihr. Mehrere Freunde waren schon vorher in den Westen abgehauen, und so plante auch sie die Flucht, ein halbes Jahr bevor sich die Grenzen im November 1990 unter dem politischen Druck der Massen öffneten.

Sie sollte ein Buch über ihr Leben schreiben. Gebannt lauschten alle. Wann führte es sie zur Kunst? Zunächst blieb sie bei der Mode, Kostümbildnerin, neue Liaisonen, interessante Kontakte, die wieder zu nächsten führen. Ein Netzwerk baute sich auf im Westen, das irgendwann zur Galerie-Arbeit und zu Lutz Teutloff führte, der sein Geld mit seinem Textilunternehmen gemacht hatte und nun in Kunst investieren wollte. Er brauchte genau eine wie sie, die organisieren kann, die nie müde wird, jedenfalls nicht bevor etwas nicht erfolgreich abgeschlossen ist, und gleichzeitig von dieser mitreißenden Fröhlichkeit.

Reisen, Ateliers, Ausstellungen. Das junge Mädchen aus dem Osten war als selbstbewusste erfolgreiche Frau im Westen angekommen. Es gab Möglichkeiten, die sie sich nicht erträumt hatte, aber Ost und West gehören bei ihr ohne Groll untrennbar zusammen.

Wer das Verbindende sucht, der fühlt sich bei Edward Steichen und seinem legendären Aussstellungsprojekt “The Family of Man” zuhause. 1955 brachte der damalige Kurator für Fotografie am Museum of Modern Art in New York die ikonischen Bilder seiner Zeit zusammen, eine der erfolgreichsten Schauen aller Zeiten, die um die Welt ging. Mit Lutz Teutloff baute Sabine Weichel-Kickert seine Sammlung nach ähnlichen Gliederungsprinzipien auf. Künstler*innen, die von Anfang an mit dabei waren, hingen mit ihren Arbeiten bis gestern bei uns in den Räumen.


Für mich war es ein ständig sich erweiternder Dialog, morgens mit dem Aufstehen und abends, wenn ich im Halbdunkeln durch die Wohnung huschte. Danke Sabine für diese wunderbare Zusammenarbeit. Irgendwann mussten sich einfach unsere Wege kreuzen. Mal schauen, was noch alles kommen wird!
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