Wir gehen in Buchgeschäfte und stöbern, wenn wir die Zeit dazu haben, oder wir folgen den Empfehlungen von anderen: Hast Du schon gelesen, solltest Du unbedingt … Aber dann gibt es die Umkehrung mit diesen außergewöhnlichen Büchern, die einen finden. Dafür ergeben sich Situationen, nennen wir sie ruhig “schicksalshaft”, die einen zu dieser Lektüre führen. Ich spreche von dem berühmten Comic Buch “Persepolis” von der iranisch-französischen Autorin Marjane Satrapi (1969 – 2026), die am vergangenen Donnerstag, den 4. Juni 2026, in Paris verstarb.

Bis dahin wusste ich weder etwas von ihr noch von ihrem Buch. Müde lag ich auf dem Bett, es war kurz vor 19:00 Uhr, und ich scrawlte ein wenig durchs Netz, obwohl ich mich eigentlich hübsch machen wollte, um mit Roma auf die Vernissage der 9. Triennale der Photographie in den Deichtorhallen zu gehen. Da poppten sie auf, die Nachrichten von dieser Frau, deren eindringliches Bild mich fesselte.

Wenig später standen wir an der Bushaltestelle auf dem Weg zur Ausstellung, an unserer Seite Hündin Bonnie. Wir waren noch früh, aber von allen Seiten strömten die Besucher*innen zu dem Event, so dass wir uns förmlich durch die Eingangstür zwängen mussten. Um der Menge zu entgehen, bogen wir links ab in den Souvenier- und Bookstore. Da lag es auf dem Tisch, “Persepolis” mit dem leuchtend rot-organgenen Cover und dem traurigen Mädchen mit dem Kopftuch obendrauf. Roma griff sofort danach, sie kannte es, sie liebte es. Leise flüsterte ich: “Sie ist heute gestorben!” Entsetzen auf dem Gesicht meiner Tochter: “Marjane Satrapi ist heute gestorben?” Irritiert schaute ich sie an, Marjane Satrapi ein Weltstar? Sie nickte, “durch sie habe ich die Geschichte des Irans verstanden.”

Wir kauften das Buch, verließen Halle, nur um uns draußen in die lange Schlange einzureihen, um wieder reinzukommen. Währenddessen hielt Roma “Persepolis” in der Hand und erzählte mir von diesem berühmten Comic, dem Film, der danach entstand und alle möglichen Preise erhielt, sogar einen Oscar. Ich hörte ihr zu, wie ich ihr zuhöre, wenn sie etwas bewegt, sie sich engagiert, ihre Gedanken in alle Richtungen strömen. Wollen wir noch in die Ausstellung? Nein, entschieden wir beide, die kann warten. Und dann spazierten wir zurück durch den regennassen Park und sprachen über Marjane Satrapi.

Heute morgen lese ich das Vorwort zu Persepolis und muss weinen. Wann habe ich schon mal bei den ersten Zeilen eines mir unbekannten Buches geweint? Ich kann mich nicht erinnern.

Der Comic über die Geschichte der jungen Marji und ihrer Familie im Iran erschien erstmals 2000 in Frankreich, 2003 in den USA, 2004 in Deutschland. Das Buch wurde “sowohl geliebt und gehasst und deshalb verboten”, wie sie schreibt, und fand dennoch in millionenfacher Auflage seinen Weg zu den Leser*innen auf der ganzen Welt. Wie nun auch zu mir!

Wenn Robert Eberhardt (Felix Jud) und ich am 10. Juli 2026, um 18:00 Uhr in der Kapelle auf dem Friedhof am Meer zum Kultursommer St. Severin in Keitum auf Sylt unsere Sommer-Lektüre vorstellen, dann wird es auf meiner Liste sein.


Marjane Satrapi. Persepolis, Edition Moderne, Zürich, 11. Auflage 2025