Seit vergangenen Montag bin ich „Bridget allein Zuhaus“. Mein Mann ist mit Toska in Warschau bei der Familie. Roma richtet sich ihre neue Wohnung in Berlin ein. Samy ist im Himmel. Also bleiben noch Bonnie und ich samt Kundinnen, die ein-und-ausgehen und manchmal auch verweilen. Damit ist das Alleinsein natürlich relativ und umfasst in erster Linie den privaten Bereich vor und nach den Ladenöffnungszeiten.
Wie man auf all den Fotos sieht, bin ich gut gelaunt, energiegeladen und umfassend emanzipiert. Allerdings in den klassischen Kompetenzbereichen weiblicher Klischees schwächele ich empfindlich, kann nicht kochen, kann nicht einkaufen, schaffe es gerade noch, die Waschmaschine zum Laufen zu bringen.
Kurzentschlossen setze ich einen Notruf an Freund Johannes King ab und denke parallel schon an Wagenladungen mit exquisiten Dips und Cremes, Saucen und Pestos in hübschen kleinen Gläsern, persönlich geliefert von dem heraneilenden Sternekoch mit eigens zubereiteten Töpfen voll von Köstlichkeiten. Die Textnachricht bleibt unbeantwortet, wahrscheinlich zu viel Hektik im Keitum-Dorf oder es kam von meiner Seite nicht bedürftig genug rüber.
Ich muss also selbst klarkommen, bin, wie schon im Childhood Buch geschrieben, „Hänsel und Gretel“ in einem. Am liebsten würde ich Bärbel Bardarsky schreiben, der Direktorin der drei Frauengefängnisse in Berlin, die mich kürzlich besuchte und irgendwann mein Talkgast in Hamburg sein wird. Freu mich schon drauf. Für einen Realitätsabgleich hätte ich gern gewusst, wie Knastessen und mein Essen im Vergleich abschneiden.
Ach, Schluss mit Lamentieren. Die Fantasie ist die fröhlichste Lehrmeisterin. Als Erstes sammele ich Brombeeren, eine meiner Lieblingstätigkeiten, bei der ich die Zeit vergesse und mit ihr alles Ungemach. Bonnie schlendert neben mir her, begrüßt Passanten oder ruht wachsam im Gras, wenn ich mich länger bei der Ernte aufhalte. Heute früh gibt’s selbstgemachte Marmelade. Wartet ab, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Das ganze Haus duftet schon nach süßen Brombeeren.
Die gute Küche beginnt jedoch mit der Kartoffel, habe ich mir gemerkt. Schwierigkeitsgrad leicht: Wasser aufsetzen, ein wenig salzen und die Kartoffeln rein. Nach ca. 20 min. mit der Gabel anpieksen, ob sie schon gar sind. Das schaff selbst ich. Die Tomaten hole ich aus dem Garten. Jawohl mitten in Kampen reifen bei Roma e Toska die Tomaten.
Flash back: Gestern Abend, nach dem Brombeersammeln, wie man an den Händen sieht. Ich werde zur wahren Meisterin der Inszenierung. Das Stück Brot auf dem Teller ist nur eine Attrappe bzw. ist echt, stammt aber aus der Frühsteinzeit (also nicht mehr essbar). Die Lektüre Rilke in Italien liegt hübsch ausgebreitet daneben. Der Rest vom Sommer-Rosé.
Und weil das Auge immer mitisst, passt auch die Schale mit den Muscheln dazu. Bon Appetit! Ich bin begeistert „Bridget allein Zuhaus“. Stolz schicke ich die Fotos rund um die Welt. Das Wichtigste an diesem Basic-Essen: „du Beurre, du beurre, du beurre“, wie die berühmte Julia Child ausrief.
Zum Frühstück hole ich vom Dorfladen (jetzt Kampen Kaufmann) ein Rosinenquarkbrötchen. Da ich bewusst (!) kein Bargeld im Hause habe, räubere ich die Cent-Dose meines Mannes. € 1,50 = 150 Cents. Kleines Entsetzen an der Ladenkasse: „Soll ich das jetzt nachzählen?“ Hinter mir eine Schlage von Frühstückseinkäufer*innen. Ich zucke mit den Schultern und sage nur: „Stimmt so!“.
Die selbstgemachten Brötchen meines Mannes sind vom vergangenen Sonntag. Kein Schimmel, nur ein wenig hart. Aber Langzeit-Blogleserinnen wissen, wie man sie zerschneidet. (Ich sag nur: Bohnen à la Bridget). In jedem guten Haushalt sollte es dafür die richtigen Klemm- und Schneide-Werkzeuge geben. Diese kleinen Kümmelbrötchen passen (anders als das Rosinenquark) zu meinem Spiegelei „over-easy“, das gleich zubereitet wird. Ich bin ja Multi-Task.
Nach einer knappen Woche allein Zuhause bin ich mutig geworden und versuche den Pfannen-Tulopp. Heißt: hochschleudern, in der Luft wenden und wieder in der Pfanne auffangen. „Over easy“ (wörtlich zu nehmen). Zu meinen herausragenden Charaktereigenschaften gehört, nie lange nachdenken. Die zwei Spiegeleier werden frispee-artig hochgekickt, fliegen Richtung Dunstabzugshaube und landen zu meinem Unverständnis und Entsetzen weit neben der Pfanne auf dem Boden. Passiert! Nun bekommt Bonnie Trockenfutter mit Rind und Rührei. Meine nächste Eierrunde gehe ich Performance-Konservativ an.
Es ist mir schon klar, dass es derbe Abzüge bei der A-Note für die technische Ausführung und den Schwierigkeitsgrad gibt, aber (!) den Rückstand hole ich locker auf bei der B-Note für den künstlerischen Ausdruck. Und das, liebe Leserinnen, ist mein Spaß. Selten so gelacht wie bei Ei-Flipp-Flopp und Kartoffeln mit Rilke. Prost! Darauf einen kaltgewordenen Kaffee am Morgen und einen eisgekühlten Wein am Abend. „Bridget allein Zuhause“kommt klar, auf jeden Fall noch bis Montag, dann trudelt der Graf samt Toska wieder ein.
PS: Heul! Während ich diesen Blog geschrieben habe, köchelte die Marmelade nicht friedlich bei niedriger Temperatur, sondern volle Pulle bei 9 (kreisch!). Der Bodensatz verbrannt. Sorgfältig gieße ich den vermeidlich unbeschädigten Teil in einen anderen Topf. Retten, was zu retten ist. Hier wird nichts weggeschmissen.
Et Voilà: „Brombeer Brûlée“ Konfitüre mit einem leicht rauchigen Aroma, aber köstlich, wie ich finde. Wer Lust hat, kann ja vorbei kommen und mal probieren, was die „Nicht-Köchin-Selbstversorgin“ so hinbekommt. Lieber Johannes, wenn Du möchtest, kann Du das Rezept von „La mûre sauvage brûlée“ gern übernehmen. Tausche gegen Trüffel-Ketchup.
Schönes Wochenende. Von dem Brombeertüchlein gibt es nur noch zwei! (Kein Sommer-Sale, sondern ein forever Must Have!)
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Chere Madame Comtesse, ganz allein zuhaus. Ich habe mich sehr amüsiert über Ihren letzten Bericht des Alleinseins und des charmanten Umgangs mit den Unwägbarkeiten des einfachen Lebens. Bon chance et à bientôt