Sicherlich glaubt Ihr, nun will sie schummeln, unterschlägt uns einfach die Tagebuch-Einträge No. 18 und 19. Keineswegs, es sind die Erlebnisse in den Museen von Lima, die so vielfältig sind, dass ich sie nicht einfach geschwind runterschreiben kann. Mitten im Umzug von Sylt nach Hamburg fehlt dafür die Zeit. Das hole ich nach und widme mich dafür einer Begegnung, die wieder eine Tür öffnet. Was steht bereit für die Zukunft: Die Kunst!

Schon während meiner Vorbereitungen für Peru hatte ich ein wenig recherchiert. Welche Künstler*innen gibt es? Wie könnte ihr Werk in meinen Kontext passen? Wer macht mich neugierg, besitzt eine ungewöhnliche Handschrift? Ein Name blieb in meinem Gedächtnis: Ana Teresa Barboza, 1981 in Lima geboren, vertreten von der Wu Gallery im Stadtteil Barranco, direkt am Meer, chic und bohemien zugleich.

Die wunderbare Anita hatte alles in die Wege geleitet, nicht nur, dass wir gemeinsam die Galerie besuchen, sondern auch, dass die Künstlerin dazukommt. Es ist Samstag Morgen, in den riesigen Räumen wird renoviert für die nächsten großen Installationen. Die Wu Gallery gehört seit den frühen 90er Jahren zu den führenden Adressen für zeitgenössische Kunst in Lima. Der junge Kurator gibt uns eine Einführung, und da kommt sie auch schon, Ana Teresa Barboza, zierlich, zurückhaltend, freundlich lächelnd.

In der permanenten Schau im 1. Stock sind einige Arbeiten von ihr zu sehen. Die Einzelausstellung, die mich im Internet begeistert hatte, ist vorbei. Aber was ich sehe, reicht, um zu beurteilen, was für eine besondere künstlerische Sprache dahintersteht. Sie arbeitet mit Collagen, mit Versatzstücken aus Fotografie, Zeichnung und Fäden aus Alpaka Wolle.

Die mit Bleistift skizzierte Landschaft wird zur dreisimenionalen Stickerei und weitet sich aus in ein gestricktes Patchwork, das die Begrenzung der Leinwand verlässt. Die Künstlerin erzählt ihre Geschichten, wie es die Frauen hier seit Jahrtausenden taten, poetisch, sehnsüchtig, versponnen, verbunden mit der Natur.

Es ist der Flusslauf des Ucayali im Dschungel, fotografiert auf einer ihrer Wanderungen, der sich mit der vielfarbigen Wolle verwebt, sich über die Wand verströmt. Längst sind es für mich nicht einfach nur geographische Namen, ich kann sie mit meine Reise-Erinnerungen verbinden.

Das nächste Objekt ist eine Aufnahme hoch in den Anden, die Wolken hängen herab in die Tälern, gesponnene Wolle, wie ich sie bei den Aymara Women oder in Arequipa in den Manufakturen gesehen habe. Ich denke an die karge Landschaft der Vicuñas zwischen Himmel und Erde und all die spirituellen Geschichten, die mir erzählt wurden. Hier fasst es sich zusammen.

Der gewebte Strauß mit Blättern, ihr werdet Ähnliches noch in den textilen Museen in Lima wiederfinden, Artefakte der Nasca oder der Paracass, jenen prekolumbianischen Völkern, die so Erstaunliches mit ihren Hüftwebstühlen schufen. Ana Teresa Barboza steht ganz in dieser Tradition, die sie in eine Modernität bringt: Off the Wall.

Beinahe sphärisch weitet sich der Stickrahmen mit der Felsenlandschaft zu Himmel und Meer aus, umfasst die drei Ebenen des indigenen Glaubens, Pachamama (Erde) und Mamacocha (Wasser) und oben drüber schwebt der Condor.

Ihr spürt meine Begeisterung. Spontan lade ich Teresa ein für eine Ausstellung in Hamburg, in der Poolstrasse und in den zukünftigen Räumen, Roma e Toska Gallery … Aber davon mehr ganz bald. Schließt sich eine Tür, öffnet sich eine neue oder ganz viele neue. Heute und morgen bin ich noch in Kampen auf Sylt. Wer Lust hat, besucht mich dort.