Zwei Tage fehlen noch in meinem Peru Tagebuch, die vor allem den Museen in Lima gewidmet sind, die die Pre-Columbianische Kunst des Landes zeigen. Ich nehm Euch einfach an die Hand und führe Euch hindurch, so wie ich dort selbst von einem Raum zum anderen schlenderte, mit wenig Wissen, aber dafür mit einem Staunen und einer inspirierenden Faszination. Manchmal ist es schöner so, es lagert sich tief in der bildlichen Erinnerung ab.

Wenn wir von Peru sprechen, dann reden wir über eine Wiege der Menschheit. Die Anden Region wurde vor 14.000 Jahren besiedelt. Man fand Zeugnisse von Civilisationen, die ca. 5.000 Jahre alt sind, darunter die ältesten Funde von komplexer Baumwollverarbeitung in Amerika. Man sagt, die Völker hätten keine Schrift besessen, das Wissen wurde mündlich weitergegeben, aber (!) es steckt als Botschaften und Erzählungen in den geknüpften, geknoteten und gewebten Arbeiten. Erst kürzlich hat man beweisen können, dass die Knoten in den Bändern nicht nur Zahlen entsprechen, sondern auch eine Art Alphabet sind. Es öffnet sich die Tür zur Heritage von Peru.

Meine erste Station ist das Museum Amano im Stadtteil Milafores. 1964 wurde es von dem japanischen Geschäftsmann Yoshitaro Amano gegründet, zunächst in seiner privaten Villa. Auf seinen Reisen durch das Land hatte er in geplünderten Grabstätten die archäologischen Überreste von Gewändern, Tüchern, und Accessoires entdeckt. Sofort erkannte er deren unschätzbaren Wert und begann sie zu sammeln.

Am Anfang war der Beutel, schrieb die Anthropologin Ursula K. Le Guin, nicht der Speer oder Pfeil und Bogen. Und so sehen wir hier das Netz als eines der erste Erzeugnisse peruanischer Handarbeit.

Hätte ich mehr Zeit, könnte ich sie unterscheiden, die textilen Sprachen der indigenen Völker entlang der Küste und dem Hochland von Norden nach Süden: die Chimú, die Moche, Huari, Paracas und Nasca, Chancay, Chuquibamba und der Inka. Ihre Namen tauchten auf meinen verschiedenen Stationen während der letzten drei Wochen immer wieder auf. Wie reich ihre Kulturen sind. Wir Europäer denken nur an die Hochkultur der Inka. Damit werden wir jedoch der Geschichte dieses Landes keinesfalls gerecht.

Mittlerweile weiß ich, wie sie ihre Garne färbten, dass sie im Sitzen webten, den Rahmen um die Hüfte geschlungen, habe gesehen, wie kleinteilig und komplex ihre Muster sind. Ob ein Keith Haring von ihnen wusste, als er seine Street Art in New York begann?

Furcht steckt oft in ihren Geschichten, die sie mit Garnen aus Baumwolle, Alpaka und Vicuña webten. Sie erzählen von bösen Geistern, genauso wie von Tieren als animistische Wesen, von ihren Tätigkeiten, wie sie sich als Krieger kleideten. Dazwischen finden sich Formen und Symbole, die japanische, peruanische sowie Forscher als aller Welt zu entschlüsseln versuchen.

Beeindruckend ist die Vielzahl der Techniken, gewebt, gestickt, bedruckt, gebatikt. Die Frauen in Chinchero hatten mir davon berichtet, sie versuchen diese Traditionen lebendig zu halten. Erstaunlich, wie sich für mich die Kreise schließen, wie sich Gesehenes miteinander verknüpft.

Vielleicht erinnert Ihr Euch, wie sie kleine Steine in die Stoffe wickeln und anschließend das Ganze in die Farbe tauchen. So entstehen die Muster, die Farben, die mit feinen Stichen zu Gewänder verbunden werden.

Es ist für mich wie ein Spaziergang durch die immaterielle und materielle Schatzkammer Perus. Arbeiten aus gewebter Baumwolle mit ihrer fragilen Struktur, Gewebtes mit heraushängenden Fäden, Federkleider… Ich muss unbedingt Federico davon berichten. Seine Manufaktur in der Nähe von Mailand ist spezialisiert auf Tülle, Stickereien und Macramee. Er wartet schon unbeduldig auf meine Bilder. “Those names make me fly”, schrieb er mir. Wir werden für das nächste Jahr gemeinsam Stoffe nach diesen Vorlagen entwickeln.

Wie sich sonst die über 500 ausgestellten Exponate dieses stillen Museums (kaum Besucher) wohl auf meine zukünftige Kollektion auswirken werden? Die anderen Stoffdesigner*innen in Italien und Frankreich sind ebenfalls gespannt, möchten sich genauso einlassen auf das, was ich gesehen haben.

Ich bin mir sicher, die textile Sprache Perus wird Eingang finden in meine eigenen Erzählungen, die ich in Material und Silhouetten zum Ausdruck bringe.