In Vorbereitung auf den morgigen ‘IT’S A DIENSTAG habe ich mir Svenja Plasspöhlers Buch “Streiten” vorgenommen, 2024 bei Hanser in Berlin erschienen. Und schon muss ich mich mit der Autorin streiten. Warum nur so viele anstrengende Ausflüge in die Philosophie mit Adorno und Horkheimer. Ich bin müde, liege auf dem Sofa, liege im Bett und verstehe nichts, mehrfach fällt mir im Sekundenschlaf das Buch aus der Hand. Wer kennt es nicht. Um wach zu bleiben, nasche ich die Hälfte von dem Schoko-Weihnachtsmann, den es bei Edeka für die Hälfte gab. Aber dann …

…taucht sie auf sehr intelligente Weise ein in das Wesen des Streitens und warum es für uns wichtig ist. “Streit ist kein Diskurs”, wie sie ihr erstes Kapitel überschreibt. Das Wort stammt aus dem althochdeutschen “strit” und bedeutet der Kampf mit Waffen, die Schlacht, der Krieg. Es sollte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts so verwendet werden. In diesem Sinne hat Streiten etwas mit Macht zu tun, mit Recht haben (wollen), mit einer aggressiven Energie. “Sie zu balancieren ist die Kunst”, endet sie ihren ersten Abschnitt.

Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit ihrer streitbaren Mutter durch dieses Buch, die sie mit 14 Jahren zurückließ beim Stiefvater. Streiten, das zur “Auflösung aller Bindungen” führt. Unversöhnlich. Es erinnert mich an meine beiden Töchter, Roma und Toska. Wir stritten uns, sie brüllten, ich brüllte, und mittendrin sagte ich ganz sachlich: “Aber wir versöhnen uns auch wieder, wir ziehen den ganzen Kreis!” Dann verdrehten sie die Augen, und wir brüllten nur noch halb so laut. Dieses Streiten führte dazu, dass wir am Ende noch enger verbunden waren. Auch darüber erzählt Flasspöhler.


“Bindung entsteht nur, wo der Widerspruchsgeist nicht unterdrückt wird. Nur wo Aggressionen zur Sprache kommen, kann ihre zerstörerische Kraft in sozialen Zusammenhalt verwandelt werden. Nur wo die Differenz Raum hat, sind ‘größere Einheiten’ möglich.”

Ich mag ihr darauffolgendes Kapitel “Du – überhaupt”, in dem sie sich auf den Philosophen Georg Simmel und dessen Abhandlung “Streit” von 1908 bezieht. “Eine Liebe, in der nicht gestritten wird, ist keine.” Wie mich das erleichtert. Wie oft bin ich gemaßregelt worden, wenn ich zu heftig stritt, meine temperamentvolle Auseinandersetzung in Wut umkippte und ich – gelinde gesagt – mal ausrasten musste. Immer diese Harmoniesucht. Ich habe schon als Kind mit den Füßen aufgestampft und mit den Fäusten auf den Tisch gehauen. Deswegen liebte ich meine Eltern nicht weniger.

Wie intensiv mich dieses Buch doch zum Nachdenken bringt. Ich verzeihe der Autorin schnell ihre machmal anstrengenden Diskurse, jemand anderem mögen sie durchaus gefallen. Aber ich bin eine ungeduldige Leserin, genauso wie ich eine ungeduldige Streitbare bin (daran sollte ich für 2026 unbedingt arbeiten).

Treffend schreibt sie über das “Herauspicken” von Kleinigkeiten und die “Verallgemeinerungen”. “Du warst immer schon …”, “typisch für Dich…”, habe ich noch lebhaft in den Ohren und lief dagegen Sturm. “Ich verändere mich, ich denke nach, ich revidiere, merkt Ihr das nicht?”, wollte ich am liebsten schreien, hielt bockig die Klappe oder schleuderte den Teller gegen die Wand. Tut mir leid, aber bei mir ist wirklich viel Porzellan zerschellt. Ständig wurde mit den Nachbarn gedroht, was sollen die sagen, wenn sie mich hören würden. Auch das erwähnt die Autorin. “Im Zweifel ist egal, was die Nachbarn sagen.” Hätte von mir sein können.

“Wenn kein Streitraum möglich ist, dann braucht es eben einen Störenfried, der den falschen Frieden stört.”

Das war ich, ein ganzes Leben lang, aber ich bin auch eine Weltmeisterin im Versöhnen. Und so gibt es vieles, was mich in diesem kleinen Büchlein zum Nachdenken anregt. Gestern Nacht bin ich bis Seite 72 gekommen. 50 Seiten fehlen noch, die sind heute Abend dran. Euch einen guten Start in die Woche mit einer erfrischenden Streitlust.

Sehen wir uns morgen mit meinem Talkgast Dr. Sabine Renken und dem Thema “Streiten. Versöhnen. Konflikte dauerhaft lösen”? It’s a Dienstag, den 20.1.2025, ab 17:30 Uhr, Talk ab ca. 18:30. Voranmeldung unter: info@romaetoska.de