Viele warten bestimmt schon ganz gespannt auf Christiane von Korffs Report von der Frankfurter Buchmesse, der mich gestern Nacht um 0.03 Uhr erreichte und den ich heute morgen begeistert beim Frühstück las. Es gibt eigentlich nichts mehr einleitend zu sagen, habe ich doch schon vorab berichtet, vielleicht nur soviel an dieser Stelle: Hier schreibt eine Frau, die sich mit solch einer Wucht in das Leben und in die Literatur stürzt und dabei die Menschen umarmt für das, was sie sind und das was sie tun. Kein Wunder, dass jeder mit ihr sprechen möchte. Hier ist ihr Bericht (Titelbild: Anni Ernaux und Christiane von Korff)

Morgens Stärkung mit Smoothie

Es lebe das Buch!

von Christiane von Korff

Das Buch ist tot? Es lebe das Buch! Ich komme kaum voran in dem Gedränge und Gewühle in den Hallen. Auch die Statistik zum Abschluss der Buchmesse widerlegt den Schwanengesang: An fünf Tagen kamen mehr als 280.000 Besucherinnen und Besucher aus über 150 Ländern zusammen, das ist ein Zuwachs von drei Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Alle internationalen TV-Sender, Nachrichtenagenturen, Magazine, Zeitungen haben ihre Teams geschickt. Denn dieses Jahr bietet die Messe ein hohes Aufgebot an Stars. Zum Beispiel Dan Brown. In seinem neuen Thriller „Origin“ verwebt er in bewährter Manier Wissenschaft und Religion, geheimnisvolle Codes, Kunst und knisternde Spannung zu einem neuen Abenteuer mit Harvard-Professor Robert Langdon.

Dan Brown PK

Und weil der Autor seinen Büchern in Sachen geheimnisvoll in nichts nachsteht – er lebt zurückgezogen und gibt selten Interviews – ist es ein besonderes Highlight, dass er sein Buch persönlich vorstellt. Ich eile zur Pressekonferenz, zu der nur akkreditierte Journalisten zugelassen sind. Als der Amerikaner den Konferenzraum mit zwei Bodyguards an seiner Seite betritt, geht das Blitzlichtgewitter los. Da könnte sogar Hollywoodstar Tom Hanks – der Browns Helden Robert Langdon in den Verfilmungen seiner Bücher der „Da Vinci Code, Sakrileg“ und „Illuminati“ spielt ­– fast vor Neid erblassen.

Dan Brown F

Frankreich ist das diesjährige Gastland, Emmanuel Macron, der französische Präsident, der zur Eröffnung der Messe sein Leben wie einen Bildungsroman schildert, der erklärt, Baudelaire erst durch die Lektüre der Baudelaire-Interpretationen Walter Benjamins verstanden zu haben, hat nicht nur uns Büchermenschen mit seiner Rede eingenommen. Annie Ernaux treffe ich in einem Messecafé, abseits des Trubels. In Frankreich ist sie so bekannt wie Benoite Groult, Grande Dame und Feministin, die mit ihrem erotischen Roman „Salz auf unserer Haut“ weltberühmt wurde.

Ullstein Übersetzerin Lektorin

Jetzt ist in Deutschland Ernauxs Meisterwerk „Die Jahre“ erschienen. Ein erstaunliches Buch: Chronik und Gesellschaftsporträt, das die Jahre zwischen 1941 und 2006 umspannt. Kongenial und elegant vermischt Ernaux Erinnerungen mit gegenwärtigen Eindrücken: „Ein fremdes Zeitempfinden ergreift Besitz von ihr und ihrem Körper, eines in der sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern, aber nicht ineinander aufgehen (…) Und ist dieses Gefühl nicht auch abhängig von der Geschichte, von den Veränderungen im Leben der Frauen und Männer – vielleicht kann sie es nur deshalb empfinden, weil sie mit achtundfünfzig neben einem Neunundzwanzigjährigen liegen kann, ohne sich zu schämen…“ Ich gleite mit Annie Ernauxs Erinnerungen durch die Zeit, ihr Buch stimmt mich nachdenklich und ist bewegend.

Annie Ernaux

Édouard Louis lebt in Paris, ist erst 24 und gehört schon zu den bedeutendsten französischen Schriftstellern seiner Generation. Die Kritiker jubeln, zu Recht: Er ist in der Tat „ein seltener Glücksfall für die Sprache und die Gesellschaft“. Auf der Messe spricht er über seinen zweiten autobiographischen Roman „Im Herzen der Gewalt“, in dem er ein traumatisches Erlebnis rekonstruiert: In einer Dezembernacht begegnet er Reda, einem jungen Mann und nimmt ihn mit in seine kleine Wohnung. Was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine dramatische Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedroht.

Edouard Louis

Nach unserem Gespräch schaut sich Édouard das Handy-Foto von uns an. Und fragt sofort, ob er es bearbeiten dürfe. Ganz digital generation, zack, zack, tipp, tipp legt er einen Filter über das Foto – oder wie heißt das im Digital-Sprech? Kleine Nachhilfe für mich analoge Steinzeitfrau. Édouard lacht: „Merci, c’était un plaisier de parler avec vous.“

Ingrid Noll

Auf dem Autorenempfang des feinen Schweizer Diogenes Verlags wird Champagner serviert. Ich bin verabredet mit Ingrid Noll („Der Hahn ist tot“). Die hintersinnige Lady des Krimis erzählt mir stolz, dass sie vierfache Großmutter sei, eins ihrer Enkel sei sogar auf der Buchmesse. Ingrid Noll begann erst mit dem Schreiben nachdem ihre drei eigenen Kinder das Haus verlassen hatten. Ihre Kriminalromane wurden allesamt zu Bestsellern, manche von ihnen wurden verfilmt. Sie erzählt mir von ihrer spannenden Kindheit und Jugend in Shanghai und von ihrem aufregenden Leben als Studentin in Bonn. In der ehemaligen Hauptstadt der Konrad-Adenauer-Zeit spielt auch ihr neuer, kurzweiliger Krimi: „Halali“. Dort geht es um tote Briefkästen und andere tote Hähne – in diesem Fall sind es Agenten. Ganz gerührt bin ich, als ich später im Bett meiner Herberge ihre Widmung lese: „Für Christiane, die ich mag!“

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Fischer Fest im Frankfurter Literaturhaus: Hier feiern Schriftsteller sogar mit Kritikern und Reportern – ob Dennis Scheck (Druckfrisch!), Wolfgang Höbel (der SPIEGEL) oder Edelfeder Christof Siemes (Die ZEIT). Andreas Izquierdo, Suhrkamp Autor, schreibt Drehbücher und Romane. Er ist aus Köln angereist und erzählt mir von seinem Roman „Fräulein Hedy träumt vom Fliegen“ (was für ein Titel!). Als guter Erzähler hat er mich sofort an der Angel: Fräulein Hedy von Pyritz, 88, gibt eine Zeitungsannonce auf. Text: ‚Suche einen Kavalier, der mich zum Nacktbadestrand fährt. Entgeltung garantiert.’ Echt jetzt? „Und was“, frage ich, „passiert dann?“ Das werden wir erst im Januar erfahren, wenn das Buch erscheint.

Am nächsten Morgen schrillt der Wecker um acht. Auf zum DTV Stand. Dort treffe ich Jens Henrik Jensen, den sein Ermittler Oxen auf Platz eins der skandinavischen Bestsellerlisten katapultierte. Er hofft, auch die deutschen Sellerlisten zu stürmen. Meike Dannenberg, Kollegin und Autorin des Krimis „Blumenkinder“, schreibt gerade an einem neuen Buch. Ihr raucht der Kopf, denn das Manuskript muss sie in ein paar Wochen bei ihrem Verlag abliefern.

Jens Henrik Jensen

Schnell ein paar Gänge weiter zu Knaus, wo ich Jan Fleischhauer treffe. Der Spiegel Kollege hat ein köstlich-komisches und für alle Beziehungsgeschädigte empfehlenswertes Buch geschrieben. Kein Wunder, dass es während der Buchmesse auf Platz 20 der Bestsellerliste schoss, der Vorabdruck eines Kapitels im SPIEGEL und einiger weiterer Kapitel in der BILD haben da sicher auch geholfen. Titel: „Alles ist besser als noch ein Tag mit Dir“. Untertitel: „über die Liebe, ihr Ende und das Leben“ danach. Trifft Woody Allans Erkenntnis zu: ‚die Ehe ist der Versuch, zu zweit Probleme zu lösen, die man allein nicht hat’? Nein, nein widerspricht mir Jan, sein Roman entspräche eher dem Bestseller ‚Eat, Pray and Love’, eine Selbstfindungsgeschichte mit Happy End. Sein Glaube an die romantische Liebe sei unerschütterlich. Tatsächlich habe er nach der Scheidung erneut geheiratet. „Eine großartige Frau. Wenn es diesmal schiefgeht, bin ich wirklich an allem selbst schuld.“

Jan Fleischhauer

Ich freue mich, Salman Rushdie wieder zu sehen. Vor fast zwei Jahrzehnten traf ich ihn für das Magazin der Süddeutschen Zeitung zum Interview in London, bevor er nach New York umzog. Rushdies Agent nannte mir nicht den Ort, an dem wir uns treffen sollten. Zwei Scotland Yard Beamten, ganz dem Klischee entsprechend im Trenchcoat, holten mich am vereinbarten Treffpunkt ab, um mich zum Dorchester Hotel in Mayfair zu bringen, wo mich Rushdie in einer Suite empfing. Denn der Autor stand unter der Fatwa, die der iranische Revolutionsführer Ajatollah Khomeini über ihn verhängt hatte, weil er in seinem Roman: „Die Satanischen Verse“ eine Beleidigung des Propheten sah. Er rief alle gläubigen Muslime der Welt dazu auf, Salman Rushdie zu ermorden. Khomeini ist tot, aber die Fatwa lebt, die Belohnung, die auf seine Ermordung ausgesetzt ist, sogar auf fast vier Millionen Euro erhöht.

Salman Rushdie

Rushdie signiert das „Golden House“, seinen Gesellschaftsroman über das Amerika der vergangenen zehn Jahre. Nero Golden, ein indischer Milliardär und „Joker“, ein amerikanischer Milliardär treten dort auf. Dieser Joker wird Präsident der USA – und stellt die Grundlage des freien Amerika infrage. Als Rushdie das Buch schrieb, war Trump noch nicht an der Macht. „Ich hätte nie gedacht,“ sagt der Autor, „dass Donald Trump die Wahlen gewinnen würde. Ich vermute, er selbst wahrscheinlich auch nicht. Manchmal sind Romane klüger als ihre Verfasser.“

Atwood

Margret Atwood ist die diesjährige Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, der ihr in der Paulskirche in Frankfurt überreicht wird. Ich hatte das Glück, diese kluge Autorin auf einem Abendessen ihres damaligen Verlegers Arnulf Conradi kennenzulernen. „Haben Romane Einfluss auf die Gesellschaft?“ „Gewöhnlich“, erwidert die kanadische Schriftstellerin, „haben Romane keinen Einfluss. Aber, was sie tun können, ist, über die Gesellschaft nachzudenken von der sie handeln.“

Margaret Atwood

Literatur ist keine Gebrauchsanleitung für’s Leben. Aber sie kann wirksam sein, gerade, weil sie nicht eindeutig, sondern vielfältig und die Charaktere widersprüchlich sind. Unsere Schlüsse müssen wir Leser schon selbst ziehen. Wohl deshalb wurden nach der Wahl von Trump bei Amazon sofort zwei Bücher zu Bestsellern. Das eine war „1984“ von George Orwell. Das andere Atwoods endzeitlicher Roman: „Der Report der Magd“. Er spielt in einem fiktionalen Amerika, in dem christliche Fundamentalisten in einem Staatsstreich die Macht an sich gerissen haben. Frauen werden versklavt, vergewaltigt und dienen nur noch als Gebärmaschinen. Nun hat Netflix das visionäre Buch als Serie adaptiert: „The Handmaid’s Tale“ regt seit Monaten in den USA für Aufsehen und ist für 13 Emmys nominiert.

Ach, schon wieder vergangen – leuchtende Tage und halbe Nächte. Wundervolle Begegnungen, intensive Gespräche. Selbst im Lady’s Powder Room: Begeisterung. Eine junge Frau zieht ihren Lidstrich nach. „Ich liebe dieses Universum“, bricht es aus ihr heraus. Ich liebe ihn auch, diesen Kosmos mit seinen Autoren und Verlegern,  Scouts und Agenten, Lektoren und Übersetzern, Buchhändlern, Presseleuten und Journalisten – alle, begeisterte Leser. See you soon again – auf der Leipziger Buchmesse im März.

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 Christiane von Korff ist Kulturreporterin und Autorin. Ihr Markenzeichen sind Porträts und Gespräche mit Persönlichkeiten aus Kultur und Literatur. Gemeinsam mit Avi Primor schrieb sie das Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld. Deutsch-jüdische Missverständnisse“.