Wenn ich nur wüßte, wo ich was aufgeschnappt habe, war es Einstein oder Shakespeare? Ich weiß es nicht mehr, ich glaube Einstein, der sagte, dass das Denken (und damit die Kreativität) aus dem Mangel heraus entsteht. Bei mir ist es jedenfalls so. Ist alles beisammen, neige ich dazu, überschnell zu produzieren, nicht kritisch genug auszuwählen. Meine Fantasie ist im Entspannungsmodus, ein wenig schläfrig könnte man auch sagen. Fehlt mir jedoch etwas oder muss ich, wie so oft, länger auf etwas warten, dann schaltet mein Hirn auf “Krisenmodus” und der schöpferische Prozess beginnt.

Die neuen Seidenstoffe hätten eigentlich schon Anfang der vergangenen Woche bei uns sein sollen, auch das wäre schon arg verspätet, aber, wie ich Donnerstag aus Italien erfuhr, wurden sie gerade erst fertig, kamen aus dem “Finishing”, wie es in der Textilsprache heißt. Gestern gingen sie endlich in den Versand und ich tippele noch ein paar Tage ungeduldig auf der Stelle. Zeit für Abseitiges mit einer Episode aus der Vergangenheit, sie mag gut 15 Jahre zurückliegen: die berühmten Knöpfe aus Nepal, die nicht rechtzeitig ankamen. Erst war die Manufaktur von Aufständischen besetzt, dann die Verantwortlichen im Knast, anschließend kam die Regenzeit und die gebrannten und gebleichten Hornknöpfe wollten nicht trocknen. Es vergingen Wochen, wenn nicht sogar Monate.

Es müsste doch noch welche geben?! Kurz vor dem Zubettgehen lief ich geschwind noch mal die Treppen hinunter, kurz über die Straße ins Atelier und holte mir die Schachtel mit den geheimnisvollen Schätzen.

Wie schön sie aussehen, jeder Knopf für sich einmalig, als hätten die Arbeiter*innen damals im fernen Nepal sie einzeln mit der Hand geschnitzt. Der eine hat einen dickeren Wulst, der andere eine hellere Farbe, der nächste ist rauh und spröde. Sie besitzen etwas Lebendiges, Wesenhaftes, und es macht Freude, sie versonnen von allen Seiten zu betrachten.

Wie wäre es, wenn wir die Wenigen für die neue Kollektion einsetzen? Für die Seidenblusen, die in der nächsten Woche im Einzelzuschnitt gefertigt werden, für die “Basic-Bluse”, die uns schon so viele Saisonen begleitet mit der überschnittenen Schulter und der verdeckten Knopfleiste.

Dieses Modell würde – auf Wunsch – oben den Hornkopf zur Zierde erhalten, ebenso an der nun doppelte gelegte Manschette am Ärmel. Damit wäre die Buse, sei es mit Äpfeln, Pilzen oder der Arctic Fauna, ein wirkliches Unikat. Und plötzlich verbindet sich in meinem Kopf ganz vieles miteinander: die Enyclopédie, die Nepal-Geschichte, der Apfelgarten von früher, als wir darunter lagen und ich den Kinder Märchen vorlas, neben uns der Hund und etwas weiter das gescheckte Pony. Was für eine Idylle, es waren die Anfänge von Roma e Toska.

Noch einmal betrachte ich die Knöpfe und dann gleitet mein Blick auf die Äpfel, erst jetzt fällt mir auf, dass sie braune Stellen haben, Verfärbungen, wie sie alte Sorten aufweisen. Ich kann ihren Geschmack erinnern, der so ganz anders war als die polierten Äpfel aus dem Supermarkt. Knopf und alte Apfelsorten scheinen sich einander zu bedingen.

Wieder einmal hat mich das Warten bereichert. Es gibt eine neue Variante von dem Standard, die Ihr bestellen könnt: Stichwort „Alte Knöpfe“. Limitiert, maximal 15 Blusen von jedem Motiv. Subskribenten first (!) sowie die, die geschwind noch Subskribent*innen werden möchten. Die Summe bestimmt Ihr. Die Bluse wird um die € 500 kosten, auf Wunsch auch mit einem zusätzlichen Foulard versehen.