Die Frage ist einfach zu beantworten: Alles, was uns sichtbar macht, gilt heutzutage schon als politisch. Je mehr Individualität wir wagen, desto mehr erhalten wir eine Stimme. Das wäre die Allgemein-Formel, ähnlich wie: “Jeder Mensch ist ein Künstler”. Schönheit und Kreativität sind in diesem Zusammenhang ebenfalls politisch, denn sie wirken als gesellschaftsverändernde Kräfte gegen die Ignoranz und den Mangel an Mitgefühl. Und dann kann man spezifisch werden, wie es Vivienne Westwood vorgemacht hat, um sich mit den Mitteln der Mode in die dringlichen Fragen unserer Zeit einzumischen. Ich mache es auf meine Weise: Am Beispiel der Arctic Fauna.

In Meyer’s Konversationslexikon von 1895 gibt es die doppelseitige Farbtafel, Motiv für die neue Kollektion, sowie eine ausführliche Begriffserläuterung:
“Arctische Zirkumpolarregion“
Es bezeichnet eine “tiergeographische Region, welche die nördlichen Teile der Alten und Neuen Welt umfaßt und südlich bis zur Nordgrenze des Baumwuches reicht. Zu ihr gehören außer den nördlichsten Teilen der Kontinente Europa, Asien und Amerika auch Grönland und alle Insel des Nördlichen Eismeeres. …”

Aktueller Zündstoff, wie wir tagtäglich lesen, mit postkolonialistischen Eroberungsdrohungen seitens der USA. Wer hat sich vorher Gedanken um Grönland gemacht, die größte Insel der Erde? Und wer hat sich vor vier Jahren mit der Ukraine beschäftigt, flächenmäßig der zweitgrößte Staat Europas? Wir in der “alten Welt” haben immer noch verschobene geopolitische Dimensionen im Kopf. Plötzlich rücken jedoch riesige Territorien, sei es mit vielen Einwohnern oder mit wenigen, in den Mittelpunkt des Geschehens und werden zu neuen machtpolitischen Spielbällen.

Weiter heißt es im Lexikon von 1895: “Der physikalische Charakter dieser Region ist ein sehr gleichmäßiger, und demgemäß beherbergt dieselbe nur wenige Tierformen …” So war es vor 125 Jahren, seitdem hat sich eine Menge verändert. Die Arktis hat sich in diesem Zeitraum um 4 – 5°C erwärmt, das ist doppelt so schnell und viel wie auf dem Rest des Planeten. Man nennt es “Arktische Verstärkung”.

“Fast alle Tiere sind zirkumpolar über die ganze Region verbreitet.” Das Lexikon spricht von großen Eismassen, die Asien und Amerika verbinden, ebenso wie die zwischengelagerten kleineren Insel. Ein riesiger 6. Kontinent mit nur zehn Säugetierarten, von denen sieben (fast) ausschließlich nur in dieser Region anzutreffen sind. Sie sind alle auf meinem Bild vereint.


Die Schneeeule ist die einzige, die ernst und mahnend aus dem Bild schaut. Sie ist ein Symbol für die wilde Natur und den Wandel. Ihre Füße und ihr Schnabel haben Federn als Schutz vor dem Erfrieren. Noch gibt es ca. 14. – 28.000 von ihnen, aber Schweden meldete zum Ende des Jahres, das sie dort ausgestorben sind.


Und der Schneehase, was macht er ohne Schnee? Das weiße Fell wird zu seinem Verhängnis, wenn es keine Tarnung mehr bietet. Und der Eisbär? Die Statistik von 2021 meldete noch ca. 25.000 Tiere. Seit dem Erscheinen meiner Encyclopedia Ende des 19. Jahrunderts hat sich ihr Bestand halbiert. Und jede Dekade zieht sich das Eis um 10% zurück und zerstört seinen Lebensraum. Schon für das Jahr 2040 prognostizieren die Wissenschaftler, dass die Arktis eisfrei sein wird.

All diese Informationen stecken in meiner Kollektion, die couture-artig schwingt und auf den ersten Blick ganz vordergründig nach “Fashion” ausschaut. Aber sie ist ein Statement, das sich mehr und mehr verdichtet, mit jeder weiteren Recherche, mit jeder zusätzlichen Notiz, bis sich dieses Buch gefüllt hat und weit darüber hinaus.

Der Grönlandswal wird alt (wenn man ihn lässt), üblicherweise so alt wie mein Lexikon-Band (ca. 125 Jahre). Man fand sogar Tiere, die 200 Jahre alt wurden. Sie hätten Zeugen sein können, wie Grönland zu Dänemark kam. Sein langes Leben verbringt der Grönwaldswal in dieser eisigen Region, über die sich gerade gestritten wird. Wenn das nicht politisch ist, was wir es am Leibe tragen!


Echthaar-Webpelz-Weste, OneSize und Unikat, weiß mit Artic Fauna Futter, € 298
Die Kollektion Encyclopedia beflügelt mich, sie annimiert mich, mir Wissen anzueignen, eine kritisch Befragung anzustoßen, und trotzdem genieße ich den reinen Überschwang von Formen und Farben. Schönheit und kritisches Bewusstsein müssen kein Widerspruch sein, wenn es um Mode geht. Wer Lust hat, macht mit und zeichnet für die Subskription. Die Summe bestimmt Ihr. Und dann gilt: Subscribers first!

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