“As I see it, creativity includes things like opening a hotel in Kabul,” sagte der italienische Künstler Alighiero Boetti in einem Interview 1970. Ein Jahr später verwirklichte er sein “crazy” Projekt, wie er selbst einräumte. Er wollte damit die Grenzen des Künstlerseins ausdehnen, sich neu erfinden in einem Land, das zu der Zeit viele Literaten, Journalisten, Freigeister und Künstler anzog mit seiner wilden Schönheit und seinem mutigen Aufbruch in die Moderne. Sein “One Hotel” wurde zur Außenstelle der Documenta 13 (2012) mit dem Leitmotiv “Colapse and Recovery“. Ein Brückenschlag zu dem Trend-Motto 2026: “Re-set”.

One Hotel von Alighiere Boetti, 1971 – 1977). Text Annemarie Sauzeau, Ehefrau von Boetti

Man sah Frauen in kurzen Röcken und mit offenen Haaren auf den Straßen. Boetti verweilte dort mindestens ein paar Monate im Jahr. Wann immer sich eine Gelegenheit bot, reiste auch der Schriftsteller Bruce Chatwin dorthin, kaufte Teppiche und Antiquitäten, um sich seine literarischen Exkursionen zu finanzieren. Wir sollten Afghanistan nicht nur aus dem Jetzt heraus denken!

Oben: Alighiero und seine Eule Memé, 1971 in Kabul, unten: Nele Budelmann, Weltkarte, Stickerei und Zeichnung, Din-A4 (€ 900)

Afghanistan war auch die letzte Reise von Nele Budelmanns Großvater. Sein Bett steht nun bei uns in der kleinen Kammer, die zu einem “Hotel” wird, eine Dependance zu Neles Atelier und Wohnung auf der Veddel, wo sich der zweite Teil des Bettes befindet, der der Großmutter gehörte. Die Visitenkarte der Künstlerin “je suis une galeriste” klebt am Türrahmen im 4. Stock, Johannes-Brahms-Platz No.9.

Der Raum, eben noch Abstellkammer, wird mit seinen knapp sechs Quadratmetern zu einer geschichtsträchtigen Kemante, einem “Zimmer für sich allein”, wie es Virginia Woolf forderte, einem Ort für Träume, die von Reisen und Freiheit erzählen. Es ist eine Galerie in der Galerie mit einer ganz besonderen Atmosphäre.

Nele Budelmann, Überwurf “Battle between Novogrod und Suzdal in 1170”, Öl auf Leinwand, 2011. Privatbesitz

Nele Budelmann hat ihre Leinwände und Kimonos mitgebracht, die zu Überwürfen für das Bett werden. Das Private wird zur Kunst und wir eignen es uns wieder als Privates an. Ein Kreislauf, der sich, wie es Boetti 1970 visionär beschrieb, ausdehnt in alle Richtungen des assoziativen Denkens (und Lebens).

 

Nele Budelmann, Überwurf “Ohne Titel”, hellbrau-rot, 2011, ca. 206 x 177 cm (€ 2.600)

Sind es nicht vor allem die kleinen Einheiten, die uns lehren, uns zu fokussieren, ganz bei uns selbst zu sein? Ich erinnere mich an Barack Obamas “Zelle” im White House, in die er sich zurückzog für wichtige Entscheidungen.

Nele Budelmann. Überwurf, Battle between Novogrod and Suzdal in 1170, japanisches Postkarten, ca. 165 x 206 (€ 2.600)

Jeder Überwurf ist ein Bild, ein Objekt, kann wieder auf Keilrahmen aufgezogen werden, um an der Wand zu lehnen oder im Raum zu hängen. Neue Gleichungen entstehen: Bild = Bett = Objekt = Galerie = Hotel. Abgebildet sind Ikonen und Schlachten, japanische Schnipsel oder Ausschnitte aus Zeitungen. Die Leinwand wird zu einem riesigen aufgeschlagenen Buch mit Längs- und Querfalten.

Nele Budelmann, Überwurf “Hindukusch”, 2011, Öl auf Leinwand, ca. 165 x 206 cm (€ 2.200)

Wir können darin lesen, wir können es aber auch einfach als ein Spektakel von Formen, Farben und Linien betrachten. Jede künstlerische Arbeit fordert auf zum Dialog, verströmt sich über den Raum und setzt sich fort in der Fantasie des Betrachters.

Nele Budelmann, Überwurf Hl. Nikolaus, Öl auf Leinwand, Zeitungsartikel, ca.209 x 164 cm (€ 2.600)

Ich weiß gar nicht, welcher Überwurf schöner ist, man möchte sie alle haben, um aus seinen Zimmern Orte für Gäste und für sich selbst zu schaffen, in denen man verweilen darf, um dem Alltag zu entfliehen. “Collapse and Recovery”, sich zerlegen und neu erfinden. Re-store, re-create.

Nele Budelmann, Überwurf “Die heilige Dreieinigkeit”, 2011, ca. 218 x 162 (€ 2.600) mit Kimono (€ 3.800)

Kunst geht mich etwas an. Kunst verweilt mit mir in meinem Zuhause. Kunst wandert von mir zu anderen. Niemand besitzt Kunst ganz für sich. Kunst ist wie ein Hotel! Wir dürfen mit und in ihr wohnen.

Nele Budelmann, Überwurf “Reptil mit 6 Schuppen”, 2011, ca. 300 x 156 cm, (€ 2.600) + Leinwand (zus. € 3.200)

Jeder Überwurf funktioniert auch auf dem großen Bett, zusammen mit einer zweiten schlicht bearbeiteten Leinwand. Wer will noch von Schlafzimmer sprechen, wenn wir es zu “Bett = Galerie” machen können.